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4. Okt 2009

Was bisher geschah…

Verfasst von

[Text: Nadja]

Es ist ein bisschen schwierig den Anfang vom Anfang zu finden, so im Nachhinein. Denn auch bei der Planung in Deutschland steckten wir elf Teilnehmer ja irgendwie schon mittendrin.

Aber erst am Freitag sind wir so richtig in den Sog Russlands geraten, denn da begann unsere zehntaegige Reise mit dem Flug nach Moskau.

Wer sich bei der Landung zwischen den Luftloechern auf den Text des  Piloten konzentrieren konnte, erfuhr, dass wir eine halbe Stunde Verspaetung hatten, weil wir nicht landen durften – der Luftraum ueber der russischen Metropole war zu voll. Damit kam unser Zeitplan ein wenig ins Wanken, denn wir mussten quer durch die Stadt um unseren Zug nach Archangelsk zu erreichen. Den haben wir dann geschafft, aber als wir gerade aufatmen wollten, weil alle menschen, koffer, rucksaecke im Wagon waren, fiel uns auf: Toni fehlt.

Der wartete auf Katja, eine ehemalige Projektteilnehmerin, die fuer uns eingegekauft hatte. Waehrend wir verzweifelt nach einem unserer wenigen Maenner Ausschau hielten, wurde unsere Zugbegleiterin (in Russland gibt es da fuer jeden Schlafwagon eine eigene) ungeduldig und wollte die Tuer schliessen, weil es in fuenf Minuten losgehen sollte. Wir konnten aber schlecht ohne Toni fahren. Und obwohl wir uns einbildeten, das auch in verstaendlichem Russisch erkklaert zu haben, verstand sie uns nicht und scheuchte uns in den Wagon. Gerade als wir kurz vor dem Aufgeben waren, kam Toni, vollbepackt wie ein Maulesel, angerannt.  Die Zugfahrt war gerettet!

Teee!!!

Mit Minuten-Terrinen, Butterbroten und Tee brachten wir die 24 Stunden bis Archangelsk rum. Nebenbei haben wir mit unseren russischen Mitreisenden Bekanntschaft gemacht. (Was die so zu erzaehlen hatten, kann man hier anhoeren: )

Nach einer Kennenlernrunde in der deutschen Fakultaet haben wir heute Archangelsk  besichtigt. Dabei haben wir u. a. Peter I. bewundert und dank  Sascha einiges ueber die Stadtgeschichte gelernt. Der Abend wurde gekroent von einem sehr beeindruckenden Konzert der Gruppe „Dali“ aus dem Ort Severrodvinsk, der nicht weit von Archangelsk am Weissen Meer liegt.

Angler in der Dwina bei gefuehlten -3 Grad

Am Ende des Tages sind alle ziemlich begeistert uns auch sehr gespannt, was die folgenden Tage bringen werden. Morgen werden wir Vortraege vor Studenten der deutschen Fakultaet halten und einen Theaterworkshop machen, dessen Ergebniss am Abend aufgefuehrt werden soll.

Und zwischendurch werden alle bemuehmt sein, Toene einzufangen, heimlich zu filmen und zu fotografieren. Und natuerlich wird all das – quasi auf dritter Ebene – von der Bloggern beobachtet und hier dokumentiert.

Wir duerfen also gespannt sein, ob Linn allein mit dem Taxi nach Hause gekommen ist (sie spricht kein russisch), Eli morgen die  Plakate nicht vergisst und Andre es schafft Bilder hochzuladen und – wer denkt eigentlich an Socken und Kuscheltiere fuer morgen abend?!

Sto? Dwa!

[Text: Linn]

Ich moechte anmerken, dass ich natuerlich heil nach Hause gekommen bin. Mit dem Taxi. Trotz fehlender Russisch-Kenntnisse. Das Gute war ja, dass ungefaehr acht Leute eingespannt waren. Mit Russisch-Kenntnissen. Ich musste nur aufstehen und vor die Tuer gehen. Da stand dann ein Taxi, das mir gerufen wurde. Ich musste mich nur neben den Fahrer setzen, dem gesagt worden war, wohin ich moechte.

Ich musste dann nur aushalten, an dem Solombola-Stadtteil-Schild rechts vorbeizufahren, obwohl der Bus immer links fuhr. Da bin ich kurz ein kleines bisschen nervoes geworden. Wegen fehlender Russisch-Kenntnisse. Ich habe also versucht, dem Fahrer dies mitzuteilen. Dass der Bus links faehrt, nicht, dass ich nervoes bin. Ohne Russisch-Kenntnisse – mit Armbewegung. Er hat mir geantwortet, mit viiiiel Russisch-Kenntnissen, und ich hab dann mal abgewartet. Es hat geklappt, ich habe das Haus auch von hinten erkannt und da kam mir schon meine Gastschwester entgegen. Schoen!

Unschoen(er) war dagegen mein Versuch, am naechsten Morgen das Haus wieder gen Uni zu verlassen. Wir wohnen im sechsten Stock. Bisher bin ich immer nur mit Assja zusammen Fahrstuhl gefahren, das hat geklappt. Ich steige also gedankenverloren in den Fahrstuhl ein (ein mal ein Meter, schummriges Licht, klappernde Waende) und druecke den Erdgeschoss-Knopf. (Die Knoepfe sind nicht beschriftet, was ja kein Problem darstellen sollte.) Die Tueren schliessen sich, der Fahrstuhl bewegt sich ca 60 Zentimeter nach unten, ruckt kurz und bleibt stehen.

Naja, denke ich, geht gleich weiter. Ich versuche, meinen ansteigenden Puls zu ignorieren. Und druecke die Zwei, in der Hoffnung von dort dann einfach den Rest zu Fuss gehen zu koennen. Nichts passiert. Ich druecke die Drei, die Vier, die Fuenf, die Eins… und versuche, die Enge zu ignorienen, die mich umgibt und mir sehr nahe kommt. Sind ja schon viele Menschen im Fahrstuhl steckengeblieben, sage ich mir. Und ich ueberlege, ob ich jetzt einfach unglaublich laut den Namen meiner Gastschwester bruellen soll.

Ich fuehle mich dabei aber zu unsouveraen und druecke lieber nochmal langsam alle Nummern ganz fest und bestimmt. Dass meine Haende leicht zittern, vereinfacht das nicht gerade, aber wenigstens brennt es ja nicht. Leider bin ich immer noch in diesem Fahrstuhl und es passiert gar nichts und ich finde das jetzt auf einmal sehr schlimm und druecke kurzerhand die Klingel. Ich weiss schon, dass das vermutlich aussichtslos ist. (Habe ich schon meine nicht vorhandenen Russisch-Kenntnisse erwaehnt?) Da meldet sich auch schon eine nicht sehr beruhigende scheppernde Stimme und sagt ganz viel ganz schnell.

Ich muesste eigentlich lachen, aber hatte das kurzerhand verlernt. Ich sage also sehr ernst und auch sehr schnell auf immerhin drei Sprachen plus paraverbale Untermalung, dass ich kein russisch spreche und hier im Fahrstuhl feststecke. Die Stimme fragt mich etwas, achtmal hintereinander derselbe Satz. Vermutlich wo ich bin. Ja, es gibt eine Zahl, die ich auf russisch kann, deswegen habe ich achtmal geantwortet, dass „2“! (Zum Beispiel zweiter Stock, auch wenns der sechste ist). Die Stimme schweigt, ich auch. Ich sage Hallo? Die Stimme wiederholt den Satz. Dass wir uns nicht verstehen, lindert nicht mein Unwohlsein, das sich bald in Panik verwandeln will, ich moechte das gerne verhindern, nur fehlt mir die Loesung, wie. Wirklich sehr eng ist es in diesem Fahrstuhl und die Panik kann ich nicht mehr lange in Schach halten. Und auf einmal ruckt dieser Fahrstuhl ganz doll und faehrt los. Er faehrt nach unten und noch bevor ich es realisieren kann, oeffnen sich im dritten Stock die Tueren!! Die Tueren oeffnen sich!!

So schnell ich kann springe ich nach draussen, an zwei verdutzten Frauen vorbei, die mir irritiert hinterher schauen. Ja, guten Morgen, ich habe gerade eine emotionale Fahrt hinter mir! Und noch 30 Stufen zu Fuss, ganz schnell. Dann durch drei Tueren und raus in die frische Luft, ahhh, gut. Und dann schnell zum Bus. Und waehrend ich im Kopf schon an den ersten Saetzen ueber mein Erlebnis fuer den Blog formuliere, muss ich auch schon laut lachen. Und wieder gucken mich zwei Frauen irritiert an. „Sto?“ „Dwa!!“

Über Maria Wagner

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