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8. Okt 2009

Eine Kirche mit besonderem Innenleben

Verfasst von

[Text: Olja]

In Archangelsk gibt es insgesamt fünf Einrichtungen, die verschiedene kostenlose Beschaeftigungen für junge Leute bis 18 Jahren anbieten. Es gibt zwei Häuser für künstlerische Tätigkeiten in den Stadtteilen Solombola und Lomonossovskij. Weiterhin gibt es ein Zentrum für technische Kunst, das Zentrum „Raduga“ für Teenager und das Zentrum „Kontakt“ für eine zusätzliche Ausbildung der Kinder. Wir haben das im Stadtteil Solombola gelegene Abteil des Zentrums „Kontakt“ (nicht zu verwechseln mit der Internetseite vkontakte.ru) besucht. 

Willkommen in Solombala! (Foto: Nadja)

Sowohl der russische als auch der deutsche Teil der Delegation waren schockiert und ueberrascht, dass das Zentrum sich in einer Kirche befindet. Dabei war, wie uns spaeter erklaert wurde, dieses Gebaeude niemals eine Kirche, sondern wurde urspruenglich als Heizhaus gebaut. Das erklaert auch, warum es mitten in einem Wohngebiet aus Neubauten steht. Speziell fuer die Kinder wurde das Haus umgebaut zu dem heutigen Kuenstlerhaus. Das heisst, dass es dort niemals Ikonen oder kirchliche Gesaenge gab.

Wir wurden von einer kleinen laechelnden Frau begruesst – Elena Marzenko. Sie ist die Leiterin des Zentrums „Kontakte“. Das Filmteam entschied, sie zum Anfang zu interviewen. „Das habe ich jetzt nicht erwartet“ gesteht Elena. Trotzdem wirkt sie gut vorbereitet, wenn sie erzaehlt, dass das Zentrum schon seit 1980 existiert und das dort 96 Paedagogen arbeiten, von denen jeder ein spezielles Programm betreut. Mehr als 4000 Kinder besuchen die verschiedenen Angebote, zu denen unter anderem Sport, Tourismus, Musik oder Tanz gehoeren. Wer mitmachen moechte, braucht aber eine Erlaubnis der Eltern oder sogar – wenn es sich um Sport handelt – eine Bestaetigung des Arztes. Zwei Mal im Jahr organisiert das Zentrum einen Gesundheits-Check fuer alle Sportler. Ausserdem bietet das Zentrum verschiedene Ausbildungsprojekte an und die Kinder nehmen an russlaendischen und weltweiten Wettbewerben teil. Das alles wird von eventuellen Spenden und dem Budget bezahlt, das das Zentrum von der Stadt bekommt und das sich aufgrund der Krise verringert hat. Eine grosse Hilfe bei Organisation und Betreuung der Reisen sind darum auch die Eltern.

„Na, wollen Sie unsere Kinder denn mal sehen?“ fragt Elena Marzenko dann. Natuerlich wollten wir und folgten ihr in die Kindergruppe „Himmlisches Land“. Als erstes lernen wir die schuechterne Asja Konovalova kennen. Sie lernt deutsch und begruesste uns aufgeregt mit dem Satz: „Meine Freunden nehmen mir Asja“. Sie ist zehn Jahre alt und sieben davon singt sie schon in der Gruppe. Extra fuer uns sang Asja das Lied „Wir koennen Freunde sein“. Lisa Semitshastova, ein zweites Maedchen, sang dann fuer uns sehr eindrucksvoll ein Lied ueber ein Kloster. Einige von uns bekamen richtig Gaensehaut. Die Leiterin der Gruppe, Julja Pavljukova, gab dann auch zu, dass die beiden Maedchen ihre liebsten Schuelerinnen sind. Wir hatten dementsprechend Glueck, dass ihr Unterricht genau in die Zeit unseres Besuches fiel.

Kameramann Vitalij hat sich im Kinderzentrum pudelwohl gefühlt (Foto: Nadja Hagen)

Danach haben wir an die Tuer nebenan geklopft – dort uebten grade die Maedchen der Gymnastikgruppe unter Leitung von Olga Igosheva. Zu Beginn zeigten uns die Maedchen ihren Tanz zu dem Lied „Malinki“ und danach demonstrierten sie uns, wie sie sich verbiegen koennen.

Wir waren ziemlich ueberrascht, denn so was hatten wir wirklich nicht erwartet. Das Filmteam hatten das alles gedreht und auch die Erzaehlung der Maedchen, warum ihnen die Gruppe so wichtig ist. Die Gymnastikgruppe hat schon zwei Mal an gesamtrussischen Wettbewerben teilgenommen und auch bei einer weltweiten Tanzolympiade gewonnen.

Vladimir Schubna, den Trainer beim Kick-Boxen, haben wir nur aus der Ferne gesehen, er hat den Kinder gezeigt, wie man einen richtigen Schlag macht. Und dann hat er beobachtet, ob auch alle zehn Paare genau seinen Anweisungen folgen. Unter den jungen Kaempfern waren auch einige Maedchen.

Für das Training nutzen die Kinder Schaumstoffmatten um sich vor Verletzungen zu schützen (Foto: Nadja Hagen)

Und am Ende – die Kletterhalle. Sie ist sehr gross und sieben Meter hoch. Der Raum wurde im Jahr 2004 ausgebaut dank Spenden. Die Mitglieder des Klubs „Vertikale Grenze“, die sich hier eingerichtet haben, waren schon zum Bergsteigen, kuerzlich erst in Hibin (Murmansk). Wir haben nicht nur den Paedagogen Viktor Lobanov kennengelernt, sondern auch Artur und Igor (15), zwei Freunde des Extremsports. Sie traeumen davon einmal in der wilden Natur klettern zu koennen. Und wir haben Kyrill (8) getroffen, der uns erzaehlt hat, dass ihn seine Mama zum Klettern geschickt hat, aber er es trotzdem gut findet. „Hier ist es interessant, nicht wie in der Musikschule. Da muss ich immer Klavier spielen.“ Gerade als wir ins Gespraech kamen, gab die Batterie der Videokamera ihren Dienst auf: Vielleicht war das unser Zeichen, dass wir gehen sollen und die Leute nicht laenger von ihrer Arbeit abhalten.

Schon auf dem Weg nach draussen haben wir noch kurz mit Militina Klishina geredet. Sie arbeitet als Garderobiere im Zentrum, zwar noch nicht lange, aber sie hat sich schon sehr an den Ort gewoehnt. Und, wie alle Mitarbeiter des Zentrums, strahlt auch sie eine innere Waerme aus. „Die Arbeit? Naja, die ist gut, mir gefaellt es. Meine zwei Enkelinnen gehen auch hier her. Die Aeltere zum Tanzen und die Juengere zum Tanzen und Singen. Alle sind zufrieden.“

Militina Klishina im Gespräch mit Olja (Foto: Nadja Hagen)

Wir auch und deshalb verlassen wir das Zentrum „Kontakte“ mit einem Laecheln, wundern uns nochmals ueber dass erstaunliche Gebaeude und fahren dann zurueck in die Uni – die Batterie aufladen.

Über Maria Wagner

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