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8. Mai 2011

Straßentheater

Verfasst von

Am Samstag war es soweit. Das Experiment Straßentheater sollte in der Archangelsker Fußgängerzone umgesetzt werden. Mit einigen Ideen im Kopf und Photokamera sowie Requisiten bewaffnet, machten wir uns auf den Weg die Toleranzschwelle der Russen zu testen.

Unser erster Versuch war der “verlorene Ausländer” – einer der Deutschen, der kein Russisch spricht, sollte nach dem Weg fragen. Ein Unterfangen, das erstaunlich gut funktionierte. Nicht nur, dass viele Menschen sofort hilfsbereit und ausgiebig alles erklärten und unserem Lockvogel Stephan teilweise sogar hinterher liefen, als sie ihn in die falsche Richtung verschwinden sahen. Eine ältere Frau, die, nachdem sie Stephan den Weg erklärt hatte, im Weiterlaufen auf einen Teil unserer Gruppe traf, bot sich sogar ungefragt an, auch uns zu helfen – weil wir so verloren aussähen!

Danach schickten wir einen Jungen im Rock los, um die Reaktion der Passanten abzuwarten. Und erstaunt mussten wir feststellen – dass es keine gab. Niemandem schien das Kleidungsstück ungewöhnlich aufzufallen. Die einzige Reaktion, die wir wirklich bekamen, war die Frage einer Verkäuferin, warum wir im Laden filmen würden…

Daniel mit Rock; Photo: Leonore Grottker

Daniel mit Rock; Photo: Leonore Grottker

Umso interessanter war dafür das Projekt “Busfahren”. Im Morgenmantel und mit Lockenwicklern im Haar bestieg Diana einen Bus, um dort Wäsche aufzuhängen. Schon an der Bushaltestelle stehend wurde sie neugierig gemustert und trug zur Belustigung der Umstehenden bei. Im Wagen selbst erntete sie dann erste ablehnende Reaktionen. Die Frau, neben welche sich Diana gesetzt hatte, stand sofort auf und während der gesamten Fahrt setzte sich auch niemand mehr neben sie, obwohl der Bus voll war und die Menschen im Gang standen. Als dann Diana anfing die mitgebrachte Wäsche über die Haltegriffe zu hängen, fragte die Konduktorin (also Fahrkartenverkäuferin) erbost wo wir denn seien?! Wohl nicht in einem Badezimmer! Sie war jedoch leicht zu beruhigen, indem wir ihr leise erklärten, dass dies alles im Rahmen eines Medienprojekt stattfände. Schnell wandelte sich ihr Unmut in Wohlwollen und beim Aussteigen rief sie uns noch Molodzy (Gut gemacht!) hinterher.

Wäscheaufhängen im Bus; Photo: Leonore Grottker

Wäscheaufhängen im Bus; Photo: Leonore Grottker

Ganz anders erging es uns, als wir versuchten ein schwules Paar darzustellen. Wir schickten zwei Jungs händchenhaltend durch die Straßen und verfolgten die Reaktionen. Sehr häufig hörten wir, wie sich die uns Entgegenkommenden über das gerade gesehene, vermeintlich schwule Pärchen unterhielten. Und sehr häufig fielen dabei Beleidigungen. Niemand äußerte sich zwar laut und direkt den beiden Jungen gegenüber, aber es ist offensichtlich, dass sie Aufmerksamkeit erregten und negativ wahrgenommen wurden.

Natürlich lassen sich aus diesen kurzen Szenen keine allumfassenden Schlüsse oder Erklärungen ableiten, aber ich fand es doch erschreckend zu sehen, wie sehr stark Homosexualität offensichtlich abgelehnt wird und gleichzeitig wie unterschiedlich auf eine Abweichung als tatsächliche oder inszenierte reagiert wird. Hätte Diana ernsthaft ihre Wäsche im Bus trocknen wollen, wäre sie vermutlich aus selbigem geworfen worden. Da es aber im Rahmen von Kunst stattfand, wurde es als gut oder zumindest unterhaltsam akzeptiert. Nun, was kann ich also mit dieser Feststellung anfangen? Vermutlich kann ich nur die Erkenntnis daraus ziehen, dass leider immer noch große Berührungsängste mit sogar nur leichten Abweichungen vom Gewohnten bestehen. Aber da zumindest nicht aktiv eingegriffen wurde, kann man – laut Definition des Begriffs – zumindest von einer passiven Toleranz sprechen und hoffen, dass von hier aus irgendwann der Weg zu einer aktiven Akzeptanz zu Ende gegangen wird.

Diana mit Lockenwicklern im Bus; Photo: Leonore Grottker

Diana mit Lockenwicklern im Bus; Photo: Leonore Grottker

Über Ulrike Geier

  • Student/in
  • Ich bin Uli und studiere seit 2006 IKEAS (Russland/ Lateinamerika). Seit ich das erste Mal in Russland war hat mich das Land fasziniert und ich bin seither mehrere Male dort gewesen. In Halle vertreibe ich mir die Zeit neben dem Studium damit in einem deutsch-russischen Freundschaftsverein mitzuhelfen und beim russischen Studententheater mitzuspielen.

2 Kommentare

  1. nadja sagt:

    habt ihr versucht mit den leuten danach ins gespräch zu kommen? ich finde, es wird immer erst dann interessant, wenn man die auseinandersetzung hat. im bus schwer zu machen, aber vielleicht gerade bei dem schwulen päärchen….indem ihr in der beobachterrolle geblieben seid, ist ja für die leute auch gar nicht deutlich geworden, dass es um die auseinandersetzung mit eibnem thema ging.
    darum ging es doch, oder?
    naja, wahrscheinlich wäre ich einfach gerne dabei gewesen..:)

  2. vasja sagt:

    ich denke nicht, dass die Russen zu einer Auseinandersetzung bereit (und schlimmer – in bestimmten Fällen fähig) sind. so oft wie ich das Thema “Schwule” in Russland angesprochen habe, kam immer eine negative Reaktion – mal lässiger mal aggressiver – herüber. Vor allem die Tatsache, dass die lesbische Beziehung “geduldet” und das Schwulsein als abartig und nicht duldbar betrachtet wird, hat mich immer wieder aufgeregt. Die Russen sind ein sehr traditionsbelastetes Volk – orthodox von der Religion bis… und deswegen auch wenig offen gegenüber “neuen” Ansichten..

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