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8. Mai 2011

Was ist dran an Vorurteilen gegenüber Russland?

Verfasst von

Als ich Bekannten von meiner Reise nach Russland erzählte, traf ich – zu meinem Erstaunen – nicht bei allen auf Verständnis. “ Was willst du denn da?“, “ Aha nach Russland also, naja du musst es ja selbst wissen„. „Dann mach dich schonmal trinkfest.“ „Hat dir der deutsche Winter nicht gereicht, oder warum fährts du nach Sibirien?“

Russen trinken den lieben, langen Tag nur Wodka, leben immer noch im Kommunismus, haben klar differenzierte Geschlechterrollen, sind äußerst melancholisch und Russland ist sowieso = Moskau. Dies sind nur die gängigsten negativen Vorurteile, die in Deutschland im Umlauf sind. Daneben fallen den meisten Menschen aber auch positive Eigenschaften wie die russische Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit oder Schlagwörter wie „Leseland“ ein.

Was ist dran? Haben sich die Vorurteile bestätigt? Ich kann nachfolgend nur aus meiner persönlichen Erfahrung und den ersten Eindrücken, die ich in dieser kurzen Zeit entwickeln konnte, sprechen.

1. „In Russland gibt es noch eine klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau.“: Viele Russinnen achten sehr auf ihr äußeres Erscheinungsbild, was Frisur, Make up und Kleidung angeht. Es wird mir auf ewig ein unlösbares Rätsel bleiben, wie sie es schaffen den gesamten Arbeitstag auf (mindestens!) 10 cm Absätzen elegant durch die Gegend zu schreiten. Diese Aussage kann man aber nicht pauschalisieren. Meine Gastschwester z.B. habe ich nie in hohen Schuhen gesehen. Ich würde auch nicht von einer untergeordneten Rolle der Frauen in Russland sprechen. Es ist eher erstaunlich, wie geschickt sie Berufs und Familenleben unter einen Hut bringen und dabei trotzdem feminin bleiben. Ich habe hier nur mit äußerst gebildeten, selbstbewussten und sich keineswegs unterordnenden Persönlichkeiten Bekanntschaft gemacht. Dies ist natürlich auch eine Frage der Generation.

2. „Die tiefe russische Seele“: Melancholie? Von wegen! Ich habe in dieser Woche so viel gelacht wie schon lange nicht mehr, wenn wir abends in der Gastfamilie mit Gastmama, -schwester und deren Freund(en) zusammen saßen oder die ganze MediA=H Gruppe die örtliche Kneipen- und Clubszene aufsuchte. Ich kann mir allerdings durchaus vorstellen, dass der lange Winter ab und zu auf’s Gemüt schlägt. Jedoch geht es mir da in Deutschland nicht anders.

3. „Die Russen und ihr Wässerchen“: Da ich in Deutschland immer Auto fahre und deswegen nichts trinken kann, hatte ich um meine Standhaftigkeit diesbezüglich wirklich Angst. – Brauchte ich nicht. Ich muss der Ehrlichkeit halber sagen: Für die deutsche Gruppe spielte Wodka eine wesenltlich bedeutendere Rolle. Hier wurde niemand zum Trinken aufgefordert. Die Russen sind in diesem Punkt, so denke ich, wesentlich disziplinierter und gesitteter. So gilt es z.B. als ungehobelt ohne einen geeigneten Trinkspruch anzustoßen und dabei reicht ein einfaches „Na zdorovje“ bei weitem nicht aus. Man trinkt zumindestens auf die Reise, die Liebe oder ein wichtiges Ereignis.

4.„Gastfreundlichkeit und Leseland“: Auch wenn sich dies banal anhören sollte. Ich persönlich kann diese Art von Vorurteilen nur bestätigen. Ich wurde hier mit einer Herzlichkeit aufgenommen, für die ich gar nicht weiß, wie ich mich bedanken soll. Meine Gastschwester hat mir geholfen, wo es nur ging und mir jeden Fehler schnell verziehen. Rund um die Uhr wurde für unser leibliches Wohlergehen gesorgt. Ich komme bestimmt mit ein paar Kilo zusätzlich nach Hause und die liegen nicht im Koffer. Russen sind auch wirklich wahnsinnig belesen. Als ich erzählte, dass wir in Deutschland in der Oberstufe nur ca. 4 Bücher lesen mussten, blieb den Leuten hier der Mund offen stehen. Ein Stapel Bücher für die Ferien ist für sie normal. Dabei wird nicht nur russische Literatur behandelt, neben Shakespeare und Goethes Faust wird auch Brecht oder Schiller gelesen. Schade, dass wir bei uns nicht Tolstoi oder Puschkin in der Schule behandelt haben.

Ich kann jedem nur empfehlen, sich nicht von voreignenommen Meinungen von einem Aufenthalt in Russland abhalten zu lassen. Beim ersten Mal erlebt man einen wirklichen Kulturschock. Doch genau das ist unglaublich spannend.

Über Katharina Deparade

  • Student/in
  • Ich bin Studentin an der MLU in Politik- und Erziehungswissenschaft BA 90/90. Ich bin das erste Mal bei MediAH dabei, um ein paar praktische Erfahrungen im Bereich Medien zu sammeln. Und nein, ich spreche kein russisch, nicht einmal ansatzweise, aber das konnte mich nicht davon abhalten einmal dieses Land zu bereisen. 24 Stunden in der russischen Eisenbahn zu verbringen, einmal die immer hoch gelobte Gastfreundlichkeit selbst zu erleben, die unendliche Weite wenigstens zu erahnen. Wer würde da schon nein sagen? Ich konnte es nicht, habe die Chance genutzt und es nicht bereut.

1 Kommentar

  1. Niinoschka sagt:

    Also ich war noch nie in Russland und kenne bislang leider auch keine Russen persönlich.
    Ich habe viele Vorurteile über Russland und Russen gehört, was mich allerdings nicht davon abhält die Sprache zu lernen, mit einem netten Russen.
    Wir haben zwar nur über Skype Kontakt zueinander und deshalb kann ich nicht genau über seine Person urteilen, allerdings hat er mir auch viele Dinge über sich und Russland erzählt und da muss ich sagen das er super freundlich ist und auch nicht irgendwie so rüber kommt als hätten Frauen nichts zu sagen.
    Ich habe keine Vorurteile über irgendeinen Menschen, denn ich gebe jedem eine Chance und ich kenne das ja selber und entspreche auch nicht diesen Vorurteilen Deutschen gegenüber.
    Mich würde eigentlich nichts von einem Besuch in Russland abhalten – außer der Atomunfall in Tschernobyl… D´:

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