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25. Apr 2013

Kleine Sittengeschichte des russischen Protests

Verfasst von

Protest ist in Russland ein häufig anzutreffendes Phänomen, das aber leider auch häufig mit Gewalt verbunden ist. Aufgrund eines größeren russischen Machtgefälles als es das deutsche ist, ist es schwierig, die mit Protest verknüpften Ereignisse kurz zusammenzufassen. Hier soll trotzdem der Versuch unternommen werden, ein paar Eckdaten des russischen Widerstandes zu skizzieren und daraus einen Versuch der Mentalitätsbeschreibung des russischen Protests zu entwickeln.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert herrschte Zar Nikolaus I. (1825 bis 1855) als Kaiser von Russland nach den Grundlagen der Beschlüsse des Wiener Kongress in absolutistischer Weise. Um seine Autorität zu bewahren, war er streng gegen alle aufkommenden liberalen und demokratischen Bewegungen. Doch aufgrund der miserablen Verhältnisse, in denen Bauern in Abhängigkeit von den adligen Grundbesitzern lebten, ereigneten sich zahlreiche Bauernaufstände, die gegen die Autokratie Nikolaus‘ gerichtet waren. Die Protestler, auch Dekabristen genannt, wurden gewaltsam von Nikolaus I. niedergeschlagen. Sein Nachfolger Alexander II. Nikolajewitsch (1855 bis 1881) hatte immer noch mit einem enormen Reformdruck zu kämpfen, und als sich auch Beamten, Aristokraten und die sogenannte „Intelligenzija“ sich den Forderungen anschlossen, sah er sich dazu gezwungen, mit der Aufhebung der Leibeigenschaft mehrere Millionen Bauern aus ihrer Abhängigkeit von den Grundbesitzern zu befreien. Allerdings mussten dabei Ablösungssummen bezahlt werden.

Ebengenannte „Intelligenzija“ bestimmte auch die Entwicklung des Protestes der folgenden Jahre. Der Begriff bezeichnet

eine Ideengemeinschaft, die ihre soziale und politische Identität aus der gemeinsamen Weltsicht gewann. Ihr Selbstverständnis stützte sich auf drei Leitgedanken: den Willen, die autokratische Zarenherrschaft zu stürzen, das Bewusstsein der Verantwortung für sozial Schwächere und den Glauben, über eine wissenschaftlich fundierte Weltanschauung zu verfügen.

Aus der Intelligenzija heraus entwickelte sich eine politische Bewegung, die „Volkstümler„, die einen Sturz des Zarismus durch Aufklärung der bäuerlichen Massen anstrebten. Einige Gruppierungen setzten dabei auch auf individuellen Terror. 1881 wurde Alexander II. durch ein Bombenattentat eines solchen Extremisten getötet.

Das Konfliktpotential „Zarentum“ blieb auch nach dem Tod Alexanders II. bestehen. In der Revolution von 1905 bis 1907, bei der Industrieproletariat und der Intelligenz auch große Teile der Bauernschaft erhoben, eskalierten die Spannungen immer mehr. Es wurde von der Duma ein immer größeres Militäraufgebot eingesetzt, um die alten Verhältnisse zu bewahren. Es gelang es noch einmal, das Zarenregime zu retten. Als die zweite Staatsduma 1907 erneut aufgelöst und ein neues Wahlrecht eingeführt worden war, wurden die einst liberalen Reformen wieder zurückgenommen. Bauern und Arbeiter wurden immer noch von politischer Entscheidungsfreiheit ausgeschlossen. Da der Zar über ein Vetorecht über alle in der Duma getroffenen Entscheidungen verfügte, blieb das absolutistische System bis 1917 weiterhin tatkräftig.

 

Die Februarrevolution des Jahres 1917(Auslöser: Mangelversorgung, wirtschaftliche Schwäche u.a. durch den ersten Weltkrieg) beendete die Zarenherrschaft in Russland, da sich die Soldaten mit den Aufständischen, die großteils aus Arbeitern bestanden, solidarisierten. Nachdem eine provisorische Regierung gebildet wurde, die allerdings auch nichts an den sozialen Missständen ändern konnte, kamen in der berühmten Oktoberrevolution („roter Oktober„, Anführer war der Petograder Arbeiter- und Soldatenrat unter Führung von Trotzki) die „Bolschewiki„, eine Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) unter Führung von Lenin, an die Macht.

„Friede, Land und Brot“

waren die Maximen der anfänglich populären Bewegung.

Bald schon kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten „Weißen“, Unterstützern des Zarentums, und den „Roten“, den Bolschewiki. Auch andere Länder wie Frankreich und die USA intervenierten und unterstützen die „Weißen“ gegen das sowjetische Regime.

1924 stirbt Wladimir Iljitsch Lenin. Sein Nachfolger wird Josif Wissarionowitsch Stalin. Der rote Diktator träumt von der Industrie-Nation, betreibt Handel mit dem Ausland. Selbst als Hunger im Land tobt, exportiert der größenwahnsinnige Führer Lebensmittel, um Industrie-Maschinen zu kaufen. Jeglicher Protest wird lebensgefährlich. Nach Stalins Tod 1953 werden die Verhältnisse zwar ein wenig entspannter, doch die Sowjetunion stagniert innerpolitisch und konzentrierte sich auf den Ausbau ihrer internationalen Macht. Mit der „Perestrojka“ von Michail Gorbatschow scheiterte 1991 der letzte Reformversuch in der Sowjetunion – und endete mit dem Sturz des Systems.

Die neue, postsowjetische Gesellschaft trifft nun auf eine Staatsmacht, die bei der Wahl ihrer Unterdrückungsinstrumente nicht mehr so frei ist. Durch die Transparenz durch freie eigene Informationsrecherche (Internet), und das gewachsene Einkommensniveau sowie die gestiegene Lebensqualität der Staatsbürger hat sich das Selbstbewusstsein der neuen Jungen gesteigert. Sie fühlen sich nicht mehr wie ein “bescheidenen Schräubchen in der riesigen Staatsmaschine”, sondern eher nach westlichen Maßstab als individueller Steuerzahlers, der mit dem Staat kooperieren will. Auch der Protest in Russland wird dadurch beeinflusst. Teilweise nimmt die Regierung diese Tendenzen jedoch mit den Augen der 1970er Jahren wahr und sieht Demonstranten als Dissidenten, Abtrünnige und Verräter. Verleumdungskampagnen sprechen jedoch statt den ehemaligen “Söldner der Weltbourgeoisie” nun von “Agenten des US State Department”. Ein weiteres Paradoxon ist, dass in der Staatsführung davon ausgegangen wird, dass der soziale Protest durch die materielle Unzufriedenheit der Massen ausgelöst wird. Dies stimmt jedoch nicht, die Protestaktionen der letzten Jahre (ab 2011) wurden von wohlsituierten Widerständlern, gut ausgebildeten Protagonisten – der neuen Mittelschicht – gebildet.

Quellen:

  • http://www.aktuell.ru/russland/lexikon/geschichte/oktoberrevolution_-_das_pulverfass_geht_hoch_2.html
  • http://www.aktuell.ru/russland/lexikon/kalenderblatt/russland_geschichte_leibeigenschaft_aufgehoben_54.html
  • http://www.geschichte-abitur.de/russische-revolution/revolution-1905
  • http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/141016/kommentar-aufruhr-?p=all (Stand 25.04.2013)

Über Katharina Rothe

  • Student/in
  • Ich bin Katharina, eine freie Journalistin und Deutsch als Fremdsprache-Lehrerin. Seit Oktober mache bei MediA-H mit, bin jetzt im regnerischen Archangelsk und genieße den ersten Russlandaufenthalt meines Lebens :)
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