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25. Apr 2013

Unterwegs nach Archangelsk

Verfasst von

Verfasst von Jens

Unsere 39-stündige Reise begann am Bahnhof in Halle. Von dort aus nahmen wir den ICE Richtung Berlin, wo wir auf Katharina trafen, die uns endlich unsere Reisepässe mit den ersehnten Visa übergab. Mit dem Bus ging es weiter an den Flughafen Tegel, wo wir noch mehr als genug Zeit hatten, zum etwas weit entfernten Terminal 5 zu wandern. Der eigentliche Flug ging vorbei wie im Flug und die kurze Nervosität, die man verspürt, wenn man morgens um zwei an einer russischen Immigration steht, stellte sich auch als unbegründet heraus. Nach kurzer, gelangweilter Gesichtskontrolle wurde der Pass gestempelt, was wohl so viel heißt wie „Добро пожаловать в Россию“ (Willkommen in Russland). Wir warteten dann in einer Sitzecke mit Tadschiken, Usbeken und frisch aus Ägypten und Zypern zurückgekehrten Russen, die sonnenverbrannt und bebadelatscht sich um die Armlehnen wickelten und vor sich hindösten. Die meisten von uns schafften es ebenfalls, eine Muetze Schlaf nachzuholen.

Nach Moskau fuhren wir dann nicht wie geplant mit dem Aeroekspress, sondern mit dem billigen Regionalzug, in dem es tatsächlich zog wie Sau. Unsere Odyssee war danach noch lange nicht vorbei. Am Paveletsky Vaksal wollten wir umsteigen in die Metro, entschieden uns aber dann doch, Tickets zu kaufen, als mein Knie schmerzhafte Bekanntschaft mit einer Barriere machte. Wie selbstverständlich fuhren wir zuerst mal in die falsche Richtung, schafften es aber schliesslich doch noch, uns zu orientieren und alle am Jaroslavsky Vaksal anzukommen. Irgendwann fuhr dann auch unser Zug, aber wir hätten es tatsächlich fast geschafft, trotz achtstündigen Aufenthalts in Moskau denselben zu verpassen.

Platskart war recht angenehm, wenn man den Gestank nach totem Iltis nicht erwähnt. Ein älterer, betrunkener Gentleman mit einem einzigen Zahn zeigte sich auch recht interessiert, vor allem an den zahlreichen weiblichen Mitgliedern unserer Gruppe. Nachdem diese feststellten, dass Ignorieren nichts bewirkt, musste Andrey (unser As im Ärmel – er spricht fließend Deutsch und Russisch) ein paar deutliche Worte sprechen, um ihn und seine Fahne zu vertreiben. Zugfahren in Russland heißt auch viel ungesundes Zeug essen. Chips, Schokolade, 5-Minuten-Terrine und Instant-Kartoffelpüree waren unsere arterienverstopfenden Begleiter. Die Babuschki in Vologda kamen dann wie gerufen mit ihren hausgemachten Piroschki mit Ei, Kartoffeln und Käse. Draußen wechselten sich endlos verschneite Birkenlandschaften mit winzigen Holzhausdörfchen ab, die im Matsch des Tauwetters zu versinken schienen. Es schlief sich dann überraschenderweise ganz angenehm in unseren Liegen, wobei ich mich gefreut hätte, wenn meine 5cm länger gewesen wäre.

Kurz vor sieben Uhr morgens kamen wir schließlich nach 21-stündiger Fahrt in Archangelsk an, wo wir von unseren russischen Gastgebern herzlich begrüßt wurden. Unter ihnen waren einige bekannte Gesichter und viele neue. Wir wurden dann gleich unseren jeweiligen Gastgeschwistern zugeordnet und nach Hause gekarrt, wo das Frühstück uns bereits erwartete.

Über Christiane Seidel

  • Student/in
  • Ich studiere seit Herbst 2010 an der MLU IKEAS (Frankreich- und Russlandstudien) und Politikwissenschaft. Ich bin seit fast drei Jahren bei MediA=H und freue mich, nun wieder in Archangelsk zu sein.

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