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26. Apr 2013

Bericht 1. bis 4. Tag

Verfasst von

Verfasst von Jens

1. Tag (19.04.):

Nach einem ausgiebigen Frühstück und einem Schläfchen in den Gastfamilien trafen wir uns in den Räumen der philologischen Fakultät der Universität wieder, wo wir noch einmal offiziell begrüßt wurden. Selbstverständlich gab es dabei auch Getränke und Süßigkeiten. Nach einigen Kennenlernspielen machten wir uns auf den Weg zur Doblolubovskaja-Bibliothek zur Nacht der Bibliotheken. Diese Veranstaltung schien auch bei den Bürgern von Archangelsk gut anzukommen, man kann jedenfalls behaupten, dass sie gut besucht war. In einem Veranstaltungssaal der Bibliothek fand ein Konzert statt, bei dem wir kurz reinschauten. Die erste Band war eine Art russischer Folkband mit vielen verschiedenen Instrumenten und weiblichem Gesang. Den meisten gefiel es sehr gut, was man nicht von dem Herren mit der Akustikgitarre sagen kann, der als nächster die Bühne betrat. Selbst die Russen konnten sich nicht darauf festlegen, ob er ein russischer Bob Dylan-Verschnitt oder eine Parodie sein sollte.

2. Tag (20.04.)

Am Samstag trafen wir uns morgens um 9 an der Uni zum Warm-up, kleinen Übungen und Spielen, die den Kreislauf in Schwung bringen und Restmüdigkeit verdrängen sollen. Mit jugendlicher Begeisterung wurde sich im Anschluss in die Gruppenarbeit gestürzt. Bei unserem Workshop gibt es drei Gruppen: die Fotogruppe, Filmgruppe und Bloggruppe. Ich entschied mich für letztere, deshalb kann es sein, dass die Berichterstattung in dieser Richtung leicht überwiegt. Das Thema, mit welchem wir uns dieses Jahr auseinandersetzen, ist Protest. Hierzu will die Filmgruppe einen kurzen Film mit Ausschnitten aus verschiedenen Interviews mit interessanten Russen, etwa Umweltaktivisten, Graffitikünstlern und Anhängern diverser Subkulturen erstellen. Die Fotogruppe hat es sich u.a. zum Ziel gesetzt, eine Collage zu erstellen, in die Fotos aus Archangelsk zum Thema Protest integriert sind. In der Bloggruppe recherchieren wir verschiedene Aspekte und Ausdrücke von Protest in Russland und schreiben dazu Artikel und Blogs.

Zuerst erstellten wir einen Plan mit den Themen, die wir bearbeiten wollten und verteilten die Zuständigkeiten dafür. Danach ging es bereits direkt mit der Arbeit los. Erste Blogs wurden erstellt, Fotos geknipst und Interviewtermine arrangiert.

Einer der interessantesten interkulturellen Aspekte, wenn man in einem fremden Land ist, ist das Essen. In der Maestro-Mensa um die Ecke unseres Gebäudes ist dieses traditionell russisch. Es gibt Kartoffelpüree, Kraut, Fleisch, Kraut, Kartoffeln und Fleisch. Ein paar Krautsalate stehen zum Glück auch noch in der Vitrine, und man kann Blintschiki mit süß oder herzhaft bestellen. Neumodischen Kram wie Pizza gibt es allerdings auch, dazu Getränke in verschiedenen, toxischen Farben, die einem beim Trinken schon an den Zähnen wehtun.

 

Gegen Abend gingen wir ins Kino, um uns einen norwegischen Dokumentarfilm über das Riddu-Festival anzusehen. Bei diesem Festival wird traditionelle norwegische Kultur zelebriert, mit Musik, Tanz und Essen. Leider war Norwegisch mit russischen Untertiteln etwas schwer zu verstehen für die meisten von uns. Die Bilder und Landschaften waren trotzdem beeindruckend anzusehen.

 


Danach zogen wir weiter zu einer Fotoausstellung von verschiedenen deutschen und russischen Fotografen, die hauptsächlich Fotos aus Osteuropa ausstellten. Die Atmosphäre war deutlich lockerer und entspannter als bei vergleichbaren Veranstaltungen in Deutschland. Nachdem wir uns die teilweise sehr beeindruckenden Fotos angesehen hatten, saßen wir noch zusammen, aßen Brot und Käse und lauschten den musikalischen Ergüssen zweier stockbesoffener Typen mit Gitarren vom lokalen Theater, die direkt einer Zeitmaschine aus den 80er Jahren entstiegen geschienen waren.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

3. Tag (21.04.)

Nach der morgendlichen Gruppenarbeit fuhren wir mit dem Bus ins Stadtzentrum, wo wir uns mit Schülern der Archangelsker Schule Nummer 14 trafen. Von diesen bekamen wir dann eine Stadtführung auf Deutsch geboten, welches die Kids wirklich schon ziemlich gut beherrschen. Trotz aller Nervosität schafften sie es, ihre individuellen Vorträge zu einzelnen Sehenswürdigkeiten vorbildlich rüberzubringen. Wir wanderten hauptsächlich entlang der Dwina-Promenade, an welcher zahlreiche Verwaltungsgebäude, aber auch eine schöne orthodoxe Kirche und bunt renovierte, alte Häuser gelegen sind. Der Fluss war noch zugefroren, aber für die Überquerung zu den gegenüberliegenden Inseln aufgrund des fortschreitenden Tauwetters für Fußgänger bereits gesperrt. Im Winter ist es absolut normal für die Einwohner der Archangelskaya Oblast, morgens über die Dwina zur Arbeit oder zur Schule zu gehen. Wir kamen an der Statue von Peter dem Großen vorbei, die auf dem russischen 500-Rubelschein dargestellt ist. Darauf scheinen die Einheimischen besonders stolz zu sein, jedenfalls zeigte der ca. 16-jährige Junge ziemliche Begeisterung bei seiner Präsentation.

Mit der beeindruckendste Teil unserer Führung war der Leninplatz, der das Zentrum verschiedener, sternförmig auf die Leninstatue zulaufenden Straßen ist. Ganz in der Nähe davon befindet sich das höchste Gebäude von Archangelsk, das Projekt- und Organisationsgebäude, besser bekannt als Vysotka (Hochhaus). Dass wir die 24 Stockwerke mit dem Aufzug nach oben fahren und von dort die Aussicht genießen konnten, war keineswegs selbstverständlich. Die meisten Archangelsker träumen ihr Leben lang davon, einmal vom Dach des 82 Meter hohen Gebäudes herunterblicken zu können. Prinzipiell ist es jedoch ein Bürogebäude, dass der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Entsprechend enthusiastisch waren wir dann, auch, weil die 360°-Aussicht auf die Stadt wirklich sehr schön war. Wir hatten auch einen guten Tag erwischt; der Himmel war strahlend blau und man konnte die klirrende Kälte fast schon ignorieren.

Wie es sich gehört, kehrten wir danach noch in ein Café-Restaurant ein, wo wir leckere Blintschiki mit süßer Kondensmilch oder Smetana und ganz viel grünen und schwarzen Tee bestellten.

 

 

 

 

 

4. Tag (22.04.)

Am nächsten Morgen trafen wir uns mit den Dozenten des Lehrstuhls für Deutsche Sprache zu Tee und Kaffee, wobei wir die Gelegenheit hatten, uns gegenseitig kennenzulernen und auszutauschen. Davor besuchten wir noch die dortigen DeutschstudentInnen und sangen ihnen einige deutsche Lieder vor, wie in folgendem Artikel beschrieben:

http://www.mediah.de/2013/04/22/treffen-mit-russischen-studenten/

Den Rest des Tages verbrachten wir mit der Arbeit in den Gruppen. Gegen Abend gingen wir ins Anti-Café, einem alternativen Café, wo sich Leute zu Spieleabenden und Diskussionen treffen. Wir kombinierten beides in einem von der russischen Seite organisierten Spiel: die Moderatorin las kurze Aussagen zum Thema Protest vor und wir mussten uns dann entscheiden, ob wir dieser positiv, negativ oder neutral gegenüberstehen. In einer anschließenden Diskussion mussten wir unsere Meinungen mit Argumenten vertreten, wobei wir auch Leute von der Gegenseite oder Unentschlossene überzeugen konnten. Es dauerte auch nicht lange, bis die Teilnehmer ihre Ansichten vehement verteidigten und sich die Gemüter etwas erhitzten. Interessant war natürlich auch der interkulturelle Aspekt dieses Spiels, also wie Deutsche und Russen argumentieren und welche Ansichten zum Thema Protest bei beiden Gruppen bestehen.

Anschließend nahmen wir noch an einem Pantomime-Battle teil, bei der wir von mediA≡H gegen eine semi-professionelle, eingeschworene Mannschaft von fünf Einheimischen antrat. Letzteren zuzusehen war fast schon gruselig, so gut waren sie aufeinander eingestimmt. Nichtsdestoweniger konnte unsere Gruppe einen Achtungserfolg verbuchen, und genug zum Lachen gab es auch, was ja an sich das Wichtigste bei solchen Spielen ist.

Im Anschluss daran ließen wir den Abend in einer coolen Bar mit dezentem Ami-Theme ausklingen. Das hausgebraute Bier war lecker, die Cocktails auch, es floss sogar etwas Wodka und die Stimmung war albern und ausgelassen.

 

 

 

 

Über Christiane Seidel

  • Student/in
  • Ich studiere seit Herbst 2010 an der MLU IKEAS (Frankreich- und Russlandstudien) und Politikwissenschaft. Ich bin seit fast drei Jahren bei MediA=H und freue mich, nun wieder in Archangelsk zu sein.
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