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26. Apr 2013

Protest gegen das Bildungsystem in Deutschland und Russland

Verfasst von

Verfasst von Robert

Protest gegen Bologna in Deutschland – eine verfehlte Bildungsreform?

Die deutschen Studenten von heute protestieren kaum noch. Sie feiern, saufen, erfreuen sich des Lebens, und kommen ganz nebenbei noch zum Studieren. Vor allem können sie sich kaum richtig über etwas aufregen, und wenn doch, bringen sie kaum den Mut und die Kraft auf, um auf den Campus oder gar die Stadt unsicher zu machen. Was ist noch von der Wut der 68er Studentenbewegung geblieben? Nichts. Vor allem könnte man fragen: Was ist das für eine merkwürdige Generation, die da die Universitäten füllt? Eine Generation der Angepassten, die zu einem ewigen Dornröschenschlaf verdammt ist?

Das hätte man jedenfalls noch Anfang dieses Jahrtausends sagen können. Doch auf einmal wurden die schweigenden Opportunisten wachgeküsst. Endlich. In ganz Deutschland demonstrierten im Sommer 2009 die empörten Studenten gegen das verrufene Bachelor-System, die überfüllten Universitäten und gegen die Studiengebühren. Zehntausende organisierten sich, um in etwa 70 Städten bessere Lernbedingungen an den Universitäten zu fordern. Vom 15. bis zum 19. Juni und am 17. November gingen mehr als 200.000 junge Menschen, darunter auch viele besorgte Schüler, auf die Straße. Zur Beschreibung des von Spiegel Online als „Bildungschaos“ titulierten kritischen Situation fanden die Studenten dramatische Parolen wie: „Willkommen in der Bildungsfabrik“ oder „Was kostet Dummheit?“ Und diese deuten schon auf die beiden Hauptprobleme, auf die sich die meisten einigen konnten, hin. Das Bachelor-System, das eigentlich das deutsche Bildungssystem hätte unkomplizierter, internationaler und moderner machen sollen, wurde von den Studenten als ein einziger Fehlschlag wahrgenommen. Unter dem hohen Leistungsdruck, der durch den ständigen Prüfungsstress und viel zu viel Lernstoff verursacht werde, so glaubten sie, würden die Universitäten zu Lernfabriken werden. Ja, und das Problem der Studiengebühren in den alten Bundesländern sorgte ebenfalls in einer Generation der Individualisten für einen solidarischen Schulterschluss. Ein weiteres wichtiges Schlagwort ist immer noch: Verschulung. Die starre Anwesenheitspflicht ist verantwortlich für eine gespannte Atmosphäre in den Hörsälen, die stark an die eines Klassenzimmers erinnert. Horst Hippler, der Präsident der Hochschuldirektorenkonferenz, geht sogar davon aus, die Verschulung würde die Entwicklung von Persönlichkeiten verhindern. Außerdem spricht die hohe Quote der Studienabbrecher eine ganz deutliche Sprache. 2013 waren es 35% der Studenten in den Bachelorstudiengängen.

Im November 2009 durfte man vielleicht noch auf eine große Rebellion hoffen. Doch die Hoffnung, die Studenten hätten endlich die ganz große politische Bühne für sich entdeckt, war wohl ein wenig zu optimistisch. Sie protestierten, im Gegensatz zu den 68ern, nicht gegen die politischen und sozialen Bedingungen, also für das große Ganze, sondern vor allem…für sich selbst. Und bewirkt hat dieser zahnlose Protest so gut wie nichts. Nun gut, schon kurz nach dem Bildungsstreik meinte die Bildungsministerin Annette Schavan, das Bachelor-Master-System müsse überarbeitet werden. Einige Hochschulen haben auch bereits die Anwesenheitspflicht abgeschafft. Aufgeweicht wurden auch die harten Bestimmungen, wie lange die Regelstudienzeit dauern solle. Auf die gestressten Studenten kommt meist nur noch eine Prüfung pro Modul zu. –Aber das sind nicht mehr als Schönheitskorrekturen. Immer noch stottert der Motor des Bachelorsystems. Die Verschulung geht munter weiter und immer noch flüchten die westdeutschen Studenten vor den Studiengebühren in den (noch) freien Osten. So haben sich die Siebenschläfer wieder mit dem scheinbar Alternativlosen arrangiert. So dämmern die deutschen Universitäten weiter still vor sich hin…

Protest gegen das EGE. Gegen die Entmenschlichung des russischen Bildungssystems.

Auch in Russland zappeln 2009 die russischen Studenten und Schüler über dem Feuer eines gewaltigen Vulkans. Dieser heißt EGE oder auch Einheitliches Staatliches Examen. Es geht um den seit jenem Jahr einzigen Test, welcher in Russland über die Aufnahme eines Studenten an eine Universität oder eine andere Hochschule entscheidet. Der EGE besteht aus drei Teilen: A, B und C. Im Teil A muss der Student bei der Beantwortung der Fragen zwischen vier möglichen Antworten auswählen. Im Teil B hat er mit wenigen Sätzen, Buchstaben oder Nummern zu antworten. Im letzten Teil C wird vom Studenten endlich ein wenig Kreativität erwartet. Es gibt z.B. eine Aufgabe, bei der er ein mathematisches Problem lösen muss oder eine, bei der logisches Argumentieren gefordert wird. Anders als die beiden ersten Teile, wird dieser nicht von Computern kontrolliert, sondern von drei Experten der regionalen Prüfungskommission. Bereits zur Zeit ihrer landesweiten Einführung wurde die dem amerikanischen SAT (Scholastic Aptitude Test)  gleichende Aufnahmeprüfung von vielen Studenten, Schülern und auch Lehrern negativ aufgenommen.

So kam es wie in Deutschland auch in Russland 2009 zu heftigen Protesten. Mit der Parole „Die Examen sind vorbei. Das Problem bleibt“, gingen in Moskau die Studenten und Lehrer auf die Straßen. Die Kritiker sagen, dass der Test den Schülern zu viel Stress machen würde. Auch gehen die Betroffenen davon aus, dass der EGE viel zu schwer ist, und somit protestieren sie. Da die ersten beiden Bestandteile des EGE nicht mehr als ein simpler Multiple Choice-Test sind, scheint das gute Abschneiden zu einer Glückssache geworden zu sein. So schnitten ehemals gute Schüler überraschend schlecht ab, und schlechte Schüler erlebten einen (kurzen) Höhenflug. Der Bildungs-und Wissenschaftsminister Dmitry Livanov beklagte auch, wie zweischneidig das EGE sei. Einerseits habe es die allgemeinen Standards an den Schulen gehoben. Andererseits würde es das Wissensniveau der Schulabsolventen herabsenken. Dies liegt daran, dass diese im letzten, dem 11. Schuljahr praktisch nur noch für die Aufnahmeprüfung lernen, sodass die Schulabschlussnoten ein wenig aus dem Blick geraten. Die Aufnahmeprüfungen für humanistische und technische Universitäten sind von völlig gleich. Die Spezialisierung der Schüler wird kaum berücksichtigt. Ein weiteres Problem ist, dass die Ergebnisse der ersten zwei Bestandteile des EGE von Computern kontrolliert werden, welche natürlich nicht von Fehlern gefeit sind. Außerdem gibt es in Verbindung mit diesem Test massive Fälle von Betrug und Korruption.

Dies sorgt für ein großes Unruhepotential: Einige Lehrer wurden von der Moskauer Abteilung für Bildung ihrer Stellen enthoben, weil sie Studenten nicht davon abgehalten hatten, während der Prüfung Handys zu benutzen. Außerdem drohte diese an, Studenten, die Examensmaterialien im Internet für andere bereitstellen würden, zu verfolgen und zu bestrafen. Während der Durchführung des EGE am 28. Mai wurden Moskauer Schüler aus dem Klausurraum verbannt, weil sie gewalttätig geworden waren.

Auf die Proteste wurde, anders als in Deutschland, wirklich reagiert. Es werden nun öffentliche Beobachter eingesetzt, um sicher zu stellen, dass bei den Tests alles gerecht zu geht. Zwar hatten erst einige Eltern die Sorge geäußert, dies werde dazu führen, dass damit die Tests für die Jugendlichen noch stressiger würden. Aber da die öffentlichen Beobachter dazu angehalten werden, zu einer angenehmen Atmosphäre beizutragen, ist diese Befürchtung wohl ungerechtfertigt. Wie deutlich wurde, hat sich in Russland durch die Proteste Einiges getan. Und hier brodelt das Feuer des Protests immer noch. In Deutschland dagegen feiern selig die Studenten…

Über Christiane Seidel

  • Student/in
  • Ich studiere seit Herbst 2010 an der MLU IKEAS (Frankreich- und Russlandstudien) und Politikwissenschaft. Ich bin seit fast drei Jahren bei MediA=H und freue mich, nun wieder in Archangelsk zu sein.

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