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13. Mai 2013

Bericht 5. bis 8. Tag

Verfasst von

5. Tag (23.04.)

Am Morgen besuchten wir die Schule Nr. 14, um uns für die tolle Stadtführung zu revanchieren und den Austausch weiter voranzutreiben. Nach einem gegenseitigen Kennenlernen, welches paarweise stattfand, präsentierte uns einer der Schüler die Ergebnisse eines klasseninternen Brainstormings zum Thema Protest. Dabei zeigte sich wieder sehr deutlich, wie unterschiedlich die Assoziationen dazu bei Russen und Deutschen sein können. Interessanterweise erwähnten viele ein ‚Anklagebuch‘, welches z.B. in russischen Supermärkten ausliegt, um den Kunden die Möglichkeit zu geben, Beschwerden oder Unzufriedenheit mit dem Service direkt niederzuschreiben.

Der offizielle Weg scheint in Russland die sicherste und gesellschaftlich akzeptierteste Methode zu sein, Protest zu äußern; das Konzept individuellen und spontanen Protestes (vor allem gegen die Obrigkeit) ist vielen wohl eher fremd, ja, es kommt ihnen sogar sinnlos vor. Sicher hängt dies auch zusammen mit einer tiefverwurzelten und verständlichen Angst vor Repressalien.

Daraufhin hatten wir noch genügend Zeit zu persönlichen Gesprächen mit den Schülern, auch um diesen die Möglichkeit zu geben, ihr Deutsch zu praktizieren. Ein schönes Spiel zum Abschluss war das gemeinsame Zeichnen eines Hauses, wobei dies zu zweien und mit je einer Hand zusammen an einem Stift geschah. Die Ergebnisse waren dann auch entsprechend interessant und meist lustig anzusehen. Zur Abwechslung aßen wir dann noch zu Mittag in der Schulkantine.

Am Nachmittag ging es dann weiter mit der Gruppenarbeit an der Uni, bevor wir mit dem Bus wieder zum selben Kino fuhren, in dem auch das norwegische Filmfestival stattfand. Dieses Mal war extra für uns eine Privatvorführng von Kurzfilmen organisiert worden. Die Filme hatten ausnahmsweise nicht unbedingt etwas mit unserem Workshopthema zu tun, und die Diskussionen nach den einzelnen Filmen gingen dann auch meist um künstlerische Eindrücke.

 

6. Tag (24.04.)

Der folgende Vormittag brachte für einige von uns eine weitere willkommene Herausforderung, nämlich einen Unterricht an der Universität zu leiten. Vor allem für die Deutsch als Fremdsprache-Studierenden unter uns war dies eine gute Gelegenheit, die bisher im Studium erlernten Theorien praktisch anzuwenden und in den zukünftigen Beruf hineinzuschnuppern. In meinem Fall bestand der Unterricht aus einem Vortrag über den Deutschen Film. Glücklicherweise bestand die Gruppe nur aus vier Studentinnen, die allesamt gut mitarbeiteten und sehr interessiert an der vorgetragenen Materie waren. Von der ebenfalls anwesenden Dozentin kam auch produktiver Input; insgesamt hat es sich also für beide Seiten gelohnt an diesem Morgen, was auch der Eindruck der anderen Vortragenden war.

Diejenigen, die nicht unterrichteten, arbeiteten fleißig weiter in ihren jeweiligen Gruppen. Die Fotogruppe war dabei den ganzen Tag fieberhaft damit beschäftigt, einen Flashmob vorzubereiten. Die eigentliche Durchführung dauerte dann nicht besonders lange: die Mitglieder der Gruppe stiegen an verschiedenen Haltestellen in einen Bus und fingen an, als alle zugestiegen waren, gemeinsam das beliebte russische Volkslied ‚Kalinka‘ zu singen. Das Ziel dabei war (vor allem im Kontext der Mobilisierung von Massen), zu beobachten, wie die Leute reagieren und sie im Idealfall dazu zu bewegen, spontan mitzusingen. All dies sollte fotografisch und filmisch dokumentiert werden. Mitgesungen hat im Endeffekt zwar niemand, aber es gab von manchen Applaus und sogar positives Feedback, während andere eher verdutzt dreinblickten. Bestimmt hat die Gruppe mit dieser Aktion immerhin erreicht, einen kleinen Farbtupfer im grauen Alltag der Menschen, die im Bus waren, zu setzen, und die Wand der defensiv steinernen Gesichter zum Bröckeln und das Lachen, das darunter verborgen war, zum Vorschein zu bringen. Nur die Ticketkontrolleurin war anscheinend alles andere als begeistert.

Gleichzeitig starteten Tina und Anastasia noch eine weitere Aktion: sie verteilten auf der Straße und im Supermarkt Zettel, auf denen „Sorge Dich nicht, lächle!“ umrahmt von Smileys geschrieben war. Dies wurde von den meisten sehr gut aufgenommen; die lächelnden Gesichter sprachen für sich, aber manche bedankten sich sogar herzlich für diese kleine Geste.

Die anderen nutzten den Nachmittag zur Vorbereitung für den Abend der russischen und deutschen Küche. Es wurde eingekauft, gekocht, gebraten und gebacken bis zur letzten Minute. Der Abend selbst war ein voller Erfolg für alle Beteiligten. Es gab vielerlei Salate, Suppen, Aufstriche, Kuchen, Blinis und Gebäck. Das Essen hätte wohl auch für eine ganze Armee ausgereicht. Trotz bemerkenswerten Einsatzes schafften wir es nicht, alles zu vertilgen, aber so blieb immerhin noch etwas übrig für zwischendurch am folgenden Tag.

 

 

 

 

 

7. Tag (25.04.)

Der nächste Tag war einerseits geprägt von konzentrierter und teils hektischer Arbeit in den Gruppen, andererseits von einer Konferenz, die an der Uni stattfand. In ihrem Rahmen hielt Robert einen Vortrag über die Montagsdemonstrationen in der DDR, während Marie und Leo über die Motivationen der aktuellen ProtestbürgerInnen in Deutschland referierten. Vor allem die Filmgruppe spürte unterdessen den Zeitdruck deutlich, was dazu führte, dass die Nerven stellenweise blank lagen. Auch die anderen Gruppen wollten ihr Pensum rechtzeitig absolvieren, konnten sich aber ihre Arbeit etwas flexibler einteilen.

Am Abend stand etwas ganz Besonderes auf dem Plan: eine Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen mit den Dozentinnen der deutschen Abteilung der Universität in einer gemütlichen, urigen Gaststätte. Bei leckerer   Pizza, frittiertem Schwarzbrot mit viel Knoblauch, Mors und Schwarzbier wurde geplaudert, gelacht und sich ausgetauscht. Trotz der feierlichen Atmosphäre konnten wir unsere Gruppenarbeit nicht ganz beiseite lassen, sondern nutzten die Gelegenheit, um die bereits veröffentlichten Interviews mit den Dozentinnen zu führen. Beim Abschied bekam jeder von uns noch ein kleines Souvenir in Form eines Paars Mini-Walenki, traditioneller russischer Winterstiefel aus Filz. Eine rührende Geste, wie überhaupt alles, was die Damen während der gesamten Workshopwoche für uns getan und organisiert hatten. Zurück blieb ein äußerst positives Gefühl eines produktiven Austauschs auf professioneller wie auch persönlicher Ebene, der sicherlich in Zukunft noch weiter vertieft werden wird.

Nachdem sich die Dozentinnen verabschiedet hatten, stiegen der Bierkonsum und die Ausgelassenheit exponentiell an. Wir saßen noch eine ganze Weile zusammen, tranken und spielten ein paar Spiele, wobei vor allem ‚Werwolf‘ bei allen gut ankam und am meisten Spaß machte.

 

8. Tag (26.04.)

Freitag war gleichzeitig unser letzter Tag an der Uni. Langsam aber sicher musste die Arbeit in den Gruppen zum Abschluss gebracht werden. In der Bloggruppe feilten wir bis zum Ende an unseren Artikeln, die Fotogruppe war mit der Fertigstellung der Collage beschäftigt, die Filmgruppe saß bis spät am Abend am Schnitt und Feinschliff des Filmes.

Beim Abschlussabend wurden dann zunächst die Ergebnisse unserer Arbeit präsentiert, wobei vor allem die Fotogruppe mit ihrer schönen Collage und einer ausgezeichneten Slideshow punkten konnte. Als kleines Dankeschön überreichten wir dann feierlich unsere Gastgeschenke in Form zweier DVDs und unzähliger Halloren an Ljoscha, der sich, wie alle anderen der russischen Seite auch, sichtlich darüber freute. Eigentlich war es uns unmöglich, unseren russischen Freunden in angemessener Weise für alles zu danken, was sie während unseres Aufenthaltes in Archangelsk für uns getan hatten. Für die unfassbare Gastfreundlichkeit und Großzügigkeit können wir wohl nur versuchen, uns beim nächsten Besuch der russischen Gruppe in Halle zu revanchieren und es ihnen gleichzutun. Besonders Ljoscha war für uns jedoch unersetzlich; er organisierte alles, war immer da, stets ansprechbar, endlos hilfsbereit, und das mit einer Selbstverständlichkeit, Ruhe und Herzlichkeit, die uns manches Mal die Sprache verschlug.

Danach ließen wir den Abend im Route 66 ausklingen, einer Bar, die an Hooters und ähnliche Ketten erinnern, bei der spärlich bekleidete Kellnerinnen lautstarken Männern Alkohol und Pub Food servieren. Glücklicherweise war die Atmosphäre eher gediegen und das Bier trinkbar. So verbrachten wir ein paar entspannte Stunden, wobei sich die Strapazen der Workshopwoche und der sonstigen Aktivitäten tief in unsere Gesichter eingeprägt hatte und einige Lider frühzeitig zufallen ließ.

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