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15. Mai 2013

Zwei Tage in Moskau

Verfasst von

Der Abschied am Bahnhof in Archangelsk fiel uns allen sehr schwer. Es dauerte dann auch eine ganze Weile, bis jeder umarmt und alle im Zug waren, die auch dort sein mussten. Beladen mit Fresstüten von unseren Gastfamilien konnten wir der 21-stündigen Fahrt entspannt entgegenblicken. Dieses Mal saßen wir etwas verteilt in einem Waggon, nicht so eng zusammen wie auf der Hinfahrt, was sich aber als nicht so schlimm herausstellte. Die einzigen Leidtragenden waren die armen Russen, die mit uns in den jeweiligen Viererabteilen saßen, mussten sie doch gelegentliche Invasionen von sich lautstark unterhaltenden, permanent essenden und teetrinkenden Teutonen tolerieren. So verging die Zugfahrt wie im Fluge und bevor wir uns versahen, waren wir zurück in Moskau am Yaroslavsky Vakzal.

Unser Eco Hostel in Chistye Prudy, gerade einmal zwei Metrostationen Richtung Innenstadt entfernt, war auch schnell gefunden. Glücklicherweise erwies es sich als durchaus angenehm und um Welten besser als die üblichen Drecklöcher in Paris, Barcelona, London oder Prag. Nur mediA≡H-Mitglied A. zeigte sich etwas verstört von dem allgemeinen Konzept des Hostels: „Wie, Recycling/Stromsparen/irgendwas? Diese Ökos…“ Viel Zeit hatten wir leider nicht an diesem ersten Tag in der Hauptstadt. Nach einem gemeinsamen Abendessen in einem nahegelegenen vegetarischen Restaurant ließen wir den Abend ruhig in unserem Refugium ausklingen.

Am Morgen machten wir uns auf den Weg zur RGGU, der Geisteswissenschaftlichen Universität, wobei wir heldenhaft den Tücken der unüberschaubaren Metro trotzten. Dort wurden wir von einem Dozenten des Thomas Mann-Lehrstuhls empfangen, der uns eine kleine Führung durch die eindrucksvollen Hallen der Uni gab. Kurze Zeit später hatten alle schon wieder Hunger, welcher in der schicken Mensa besänftigt werden konnte. Für den eigentlichen Zweck unseres Besuchs hatten wir danach auch noch etwas Zeit: wir stellten den Studierenden des besagten Lehrstuhls die Ergebnisse und Erkenntnisse unserer Projektarbeit vor. Dies stellte sich als äußerst zähe Angelegenheit heraus, doch dank des Interesses des Dozenten und eines tapferen Studenten kam es doch noch zu einer längeren, fruchtbaren Diskussion. Dabei zeigte sich, dass die Menschen in Moskau viel eher bereit sind, auf die Straße zu gehen und Missstände anzuprangern als die Leute in Archangelsk. Die Protestkultur ist dort fast schon hip und für Studierende gehört es zum guten Ton, sich politisch zu engagieren und gegen den Status quo zu protestieren.

Für den Nachmittag war eine Besichtigung des Zentrums fest eingeplant. Selbstverständlich ist ein halber Tag viel zu wenig für die Sehenswürdigkeiten dieser immensen Stadt, aber irgendwo muss man ja anfangen. Die Hälfte unserer Gruppe ging zum Gorky Park und suchte dort verzweifelt, aber erfolglos, nach Eis. Im nahegelegenen Park der Gefallenen Monumente, wo alte Statuen Lenins, Stalins, Brezhnevs, etc. ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, gab es immerhin Kaffee und Schokolade, außerdem Hängematten und Schaukeln, von welchen wir ausgiebig Gebrauch machten. Robert besuchte unterdessen in Erinnerungen schwelgend seine persönlichen Lieblingsorte in seiner ehemaligen Heimatstadt.

Danach trafen wir uns auf dem Roten Platz mit Leo, Anastasia und Katharina, die noch ein Interview mit einem Kenner der russischen Protestszene geführt hatten. Dieses wird bald als Podcast auf unserer Homepage zu finden sein. Nach einem kurzen Bewundern des weltberühmten Panoramas war es wichtiger, zunächst eine Toilette und dann etwas zu essen zu finden. Heißer Tip für Touristen: im GUM kann man kostenlos aufs Klo; das Luxuskaufhaus ist also tatsächlich auch für Normalsterbliche für etwas zu gebrauchen. Um die Ecke fanden wir sogar noch ein kleines Lädchen, wo es leckere Piroshki, Kaffee und frischen Mors gab.

Für das traditionelle Betrinken am letzten Abend fand sich eine angenehme Bar unweit unseres Hostels. Man nehme acht unbedarfte mediA≡Hler, füge langsam eine Flasche Wodka hinzu, vermische das Ganze (unter ständigem Rühren) mit einer Kakophonie elektronischer Musik sowie weiteren alkoholischen Getränken, lasse es unter beharrlichem Blitzlichtgewitter ein paar Stunden bei geringer Hitze garen – et voilá! Fertig ist der Abschiedsabend inkl. besoffener Ausschweifungen, allesamt fotografisch dokumentiert. Kann zu leichten Kopfschmerzen und übermäßigem Durst am nächsten Tag führen.

 

Als wir im Aeroekspress Richtung Domodedovo saßen, mussten wir feststellen, dass nicht nur die Zeit in Moskau, sondern auch in Archangelsk (und überhaupt in Russland) viel zu schnell vorbeigegangen ist. Die meisten von uns wollten eigentlich gar nicht mehr weg, was hauptsächlich an der überwältigenden Gastfreundschaft unserer Freunde in Archangelsk lag. Wir hätten uns kaum einen schöneren Aufenthalt wünschen können, was in diesem Fall keine abgedroschende Phrase ist, sondern tatsächlich zutrifft.

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