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29. Mrz 2014

Perspektive Leerstand (Workshop 2014)

Verfasst von

FREI statt LEER!

1. Leerstand in Deutschland – Halle

Viele ostdeutsche Städte zeichnen sich durch folgende Bilder aus: halbleere Gewerbegebiete, leer stehende Plattenbauten, heruntergekommene, verlassene Gründerzeithäuser. Die Tendenz der schrumpfenden Städte betrifft jedoch nicht mehr nur die östlichen Bundesländer, sondern hat sich bereits auf das gesamte Land ausgeweitet. Bis vor vier Jahren gehörte auch die Stadt Halle zu den Städten, die sehr stark von dieser Problematik betroffen war. Im Zeitraum von 1990 – 2010 ist hier die Einwohnerzahl von etwa 309.000 auf rund 230.000, also um ca. 25%, zurückgegangen. Diese Entwicklung hat ihre Spuren im Gesicht der Stadt hinterlassen: In der Innenstadt, sowie in Randgebieten begegnet man verlassenen, teilweise unter Einsturzgefahr stehenden, Häusern. Aber wie geht man mit dem Leerstand um? Aus der Sicht der Wirtschaft bedeutet der Begriff LEERSTAND eine stagnierende Ökonomie der Stadt. Schließlich stehen in Deutschland laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes vom April 2012 rund 3,5 Millionen Wohnungen leer, dies entspricht einer Leerstandsrate von 8,6 Prozent. Hinzu kommen Büro- und Gewerbeflächen. Andererseits sind diese Objekte in meinen Augen aus der Erscheinung der Stadt gar nicht mehr weg zu denken. Durch die Verschmelzung von moderner Architektur, sanierten Altbauten und verlassenen Gebäuden der Gründerzeit entsteht erst dieser gewisse Charme, den ich bei einer Stadt nicht missen möchte. Trotzdem muss man sich etwas einfallen lassen, um auch schrumpfende Städte zu lebenswerten Orten zu machen. Seit 2010 kann man im Onlineportal www.leerstandsmelder.de auf den Leerstand in der eigenen Stadt aufmerksam machen. Mit Fotos und Kommentaren zu Eigentümern, Nutzungsart und anderen Details können Mitglieder jede Menge ungenutzten Platz offenbaren. Diese Einträge werden durch Vereine oder Einzelpersonen, die dahinterstehen, überprüft. So wollen die Grьnder den Missbrauch der Plattform durch Falscheintrдge verhindern.

2. Welche Maßnahmen werden nun tatsächlich ergriffen?

Freiwillige schließen sich zu Initiativen zusammen, um den Leerstands-, Sanierungs- und Imageproblemen ihrer Städte und Stadtviertel zu begegnen.Manche konzentrieren sich dabei auf Sanierungsmaßnahmen, Errichtung von Spielplätzen und weiterer Attraktionen, um neue Mieter anzuziehen und die Stadtviertel finanziell wieder stark zu machen. Als Beispiel wäre hier das im Jahr 2007 entwickelte Stadtumbaumodell für Halle-Glaucha zu nennen, welches durch seine bezeichnenden Erfolge bundesweit bekannt geworden ist. Im Bundesbauministerium spricht man vom „Glaucha-Effekt“, die Stadtplaner nennen diese Strategie sogar das „Wunder von Glaucha“. Eine andere Lösung, dem Leerstand kreativ entgegenzuwirken, bieten Freiwilligengruppen mit der Methode der „Wächterhäuser“, die zum ersten Mal in Leipzig eingesetzt wurde und heute auch in Halle vertreten ist. Die Idee dieses Modells besteht darin, dass der Eigentümer des Hauses auf sein Nutzungsrecht (incl. Miete) für eine bestimmte Zeit komplett verzichtet. In dieser Zeit wird das Objekt von Bürgern, sogenannten „Wächtern“, bewohnt, die sich um die Instandhaltung des Hauses kümmern und die anfallenden Betriebskosten übernehmen. Davor muss die Stadt sicher stellen, dass das Haus bewohnbar ist und gegebenenfalls die nötigen Sanierungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Reparaturen an Dachschäden, vornehmen. Für die Vermittlung zwischen den Hauseigentümern und Pächtern ist der Verein „Haushalten Halle e.V.“ zuständig. Bei der nдheren Analyse des Projekts stellt man schnell fest, dass viele Künstler von diesen Häusern angezogen werden.Diese richten ihre Ateliers und Galerien in den Etagen der Wдchterhдuser ein. Und genau das führt zu dem für mich entscheidenden Punkt: die Erkenntnis, dass Leerstand auch eine starke positive Komponente mit sich bringt, in dem er Raum für kreative Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

3. Perspektive Leerstand

Ungenutzte Geschäftslokale, verlassene Gebäude und brachliegende Flächen beflügeln die Fantasie: Was da alles passieren könnte! Genau das haben sich auch die jungen Organisatoren des Projekts „Freiraumgalerie Freiimfelde“ auch gedacht und erklärten die leere Stadt zu einer partizipativen Kreativitätsplattform. Leere Häuser, sowie Häuser im Sanierungszustand wurden zur Leinwand für die urbane Kunst. Freiimfelde hat den höchsten Leerstand in Halles Innenstadtbereich. 2005 standen 37 % der Bausubstanz leer. Rund 50% der Häuser zwischen der Landsberger Straße und der Freiimfelder Straße sind verlassen. Mehr als 60 internationale Künstler darunter Di Maggio, Grafiker aus Italien, der brasilianische Künstler Claudio Ethos gestalteten zusammen mit Künstlern aus Deutschland das trostlose Viertel in ein Freiluft-Atelier um. Die Fassaden von fast 20 Häusern wurden mit großflächigen Kunstwerken versehen. Bezeichnend für die Freiimfelde ist ein überdurchschnittlich hoher Anteil an MigrantInnen und auffällig viele junge Familien, die oft auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Durch unterschiedliche Aspekte, darunter eine ungenügende soziale Infrastruktur, gilt das Viertel als „sozialer Brennpunkt“. Das Projekt der Freiraumgalerie soll gleichzeitig zwei unterschiedlichen Parteien helfen. Einerseits soll die Masse an unfunktionaler Bausubstanz kreativen Akteuren und der gesamten Urban Art-Bewegung Freiräume bieten. Andererseits soll die urbane Kunst an leerstehenden Gebäuden eine aufwertende Wirkung haben. Durch ihre Werke setzen die Künstler einen kleinen Initialpunkt und stiften Gemeinsinn. So werden Punkte herausgefunden, an denen sich die Funktionen wieder bündeln könnten. Die Freiraumgalerie Freiimfelde ist ein positives Beispiel dafür, wie ein solidarisches Gemeinschaftskonzept realisiert werden konnte, indem man in dem sonst ungern gesehenen Leerstand eine unbeschriebene Leinwand für kreative Ausdruckskraft entdeckt hat.

Ab jetzt heißt es nur noch FREI statt LEER

Weiterführende Links:

http://www.deutschlandradiokultur.de/dem-leerstand-kreativ-entgegenwirken.954.de.html?dram:article_id=146990
http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/halle-streetart-sorgt-fuer-farbrausch-im-osten,20640778,21263374.html
http://www.werkstatt-stadt.de/de/projekte/210/
http://www.welt.de/finanzen/immobilien/article107301536/Neue-Website-zeigt-leere-Gebaeude-in-Staedten-an.html
http://kulturrisse.at/ausgaben/kunst-und-kohle/kulturpolitiken/perspektive-leerstand
http://www.staedtebaufoerderung.info/nn_941112/StBauF/DE/StadtumbauOst/Praxis/Massnahmen/Halle/Halle__node.html?__nnn=true
http://www.ich-will-wissen.de/fuer-schueler/leben-in-halle/freizeit-in-halle/waechterhaeuser/
http://hastuzeit.de/2012/vom-leerstand-zum-wohlstand/

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