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5. Apr 2015

Filmkritik

Verfasst von

Im Rahmen des Workshops 2015 haben wir mehrere russische und deutsche Filme geschaut und uns darüber ausgetauscht. In dem Zusammenhang entstand die folgende Filmkritik:

Stiljagi

Russische Hipsters und die Sehnsucht nach einem anderen Leben

Eine atemlose Hetzjagd durch den nächtlichen Wald. Er weiß, er muss sie erwischen, man erwartet das von ihm. Und dann, tatsächlich, sie weint, ist gestürzt, ihm hilflos ausgeliefert,…scheint es. Seine Naivität ausnutzend, stößt sie ihn in den See.

Er, das ist Mels (Anton Schagin), ein gewöhnlicher Komsomol, ein Angepasster, ein Niemand, und Sie, Polly, muss ihm nun mit ihrem farbenfrohen Kleid, dem geradezu verboten verführerischen Makeup wie ein leuchtendes Wesen von einem anderen Stern erscheinen. Polly (Oksana Akinschina) ist eine Stiljagi, eine jener jungen Leute, die sich auf eine imitierte amerikanische Art kleiden, moderne Musik hören und auf geheime Underground-Partys gehen.

Es sind die 50er in der Sowjetunion. Auch in den Jahren 1955 und 1956, die der Film abbildet, ist der Eiseshauch der Stalinzeit immer noch spürbar. In der gleichförmigen sozialistischen Gesellschaft gibt es keinen Platz für diejenigen, die sich ein paar kleine Freiheiten erlauben, sich in der Tristesse der Diktatur ein Refugium geschaffen haben. Sie gelten als ausgemachte feindliche Spione, verwestlichte Schädlinge, die verfolgt und bekämpft werden müssen. So gerät der unkritische Mitläufer Mels an die an die selbstbewusste, charismatische Polly, und sie weckt in ihm die Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Er verliebt sich in sie, und urplötzlich wie ein Wirbelwind bringt sie Farbe in seinen grauen Alltag. Nun tut er alles, damit sie ihn bemerkt, streift das Grau ab, legt sich ein dandyhaftes Aussehen zu und lernt sogar, beschwingt zu tanzen. Doch, selbst als Mels, der sich nun “Mel” nennt, in der Welt der Stiljagi angekommen ist, ihr arroganter Anführer Fred ihn unter seine Fittiche genommen hat, macht er immer noch keinen Eindruck auf Polly. Wie er Katja (Evgenija Chirivskaja), seiner ehemaligen Komsomol-Vorgesetzten schon sagte: „Wir sind doch alle gleich, tragen nur unterschiedliche Anzüge.” Tatsächlich hat er sich noch nicht wirklich verändert, nur den Anzug ausgetauscht.  Erst durch seine sich entwickelnde Leidenschaft für das Saxophon-Spiel, fließt der Jazz in seine Seele. So fliegt ihm endlich Pollys Herz zu…

Im Musical werden populäre Lieder der russischen Rockmusik in mitreißende Jazz-und Rock n Roll-Tanzeinlagen verwandelt. Dabei gerät der Zuschauer, da humoristische und dramatische Szenen einander praktisch im Minutentakt ablösen, in ein wahres Wechselbad der Gefühle. Von Anfang bis Ende stellt sich die Frage, welches Menü hier dem geneigten Gourmet und Cineasten vorgesetzt wird. Ist es eine einfache Liebesgeschichte, eine Selbstfindungskomödie oder die Dokumentation einer Subkultur?

Nein, jede Schublade wäre für diesen Film zu klein, denn er ist viel mehr als das. Hier geht es um nichts weniger als um den Kampf um Freiheit, das Verlangen nach Individualität in einer Gesellschaft, in der „besonders sein“ als „besser sein“ wollen verunglimpft wird. Wenn der Film zeigt, wie Fred und Katja bei der Entscheidung zwischen Selbstbestimmung und Opportunismus scheitern, bekommt er eine zeitlose Brisanz, die nachdenklich macht.

Die zuerst als gnadenlose Verfolgerin der Stiljagi nur forsch wirkende Katja kann die Sicherheit, die ihr die Gleichheit in der Masse gibt, nicht aufgeben. Ihre Liebe zu Mels treibt sie zu einem verzweifelten Versuch der Verführung und Bekehrung des verlorenen Kameraden. Es ist beeindruckend, wie Evgenija Chirivskaja dieser Spagat zwischen unnachgiebiger Härte und einer berührenden Verletzlichkeit gelingt. Bereits im russischen Drama „Der Geograf, der den Globus austrank“ (Географ глобус пропил) gab sie eine gute Figur ab, doch hier kann man sehen, wie sie zu voller Größe aufspielt. Eine ebenfalls bemerkenswerte Performance liefert Oksana Akinschina als zugleich selbstbewusste Femme Fatale und fragile junge Frau, die ihre Schwäche unter Schminke und üppigen Kleidern verbirgt. Sie spielt Polly absolut authentisch und glaubwürdig. Auch Akinschina ist kein unbeschriebenes Blatt. Vermutlich wird kaum jemand das junge, unschuldige Mädchen Lilja wiedererkannt haben, das sie in dem international gefeierten schwedisch-dänischen Drama „Lilja 4-ever“ unglaublich sensibel spielte, wofür sie auch, völlig verdient, mit Preisen überhäuft wurde. Neben diesen beiden überragenden Charakterdarstellerinnen wirkt der gestandene Theater- und Filmschauspieler Anton Schagin als Mels ein wenig blass und unbeholfen. Es ist jedoch sein Charme und lockeres Spiel, das dem Musical in den humorvollen Momenten die nötige Prise Salz verleiht.

Es ist Valerij Todorovskijs famoser Regieleistung zu verdanken, dass dieser hochkarätige Cast sich so überzeugend agieren kann. Sein Gespür für stille Momente und für  überwältigende Dramatik gibt dem Film die Möglichkeit, die Genregrenzen des Musicals ein wenig zu sprengen und manchmal eine überraschende emotionale Tiefe zu gewinnen. Selbst denjenigen kritischen Geistern, die Musicals eine solche generell aberkennen und denen Tänze im Film überhaupt suspekt sind, ist dieser fantastische russische Film zu empfehlen, allein schon aufgrund seiner optimistischen Botschaft: „Sei du selbst, lebe dein Leben und kämpfe für deinen Traum. So bist du frei!“

(Robert Oertel)

RU: Стиляги 2008, 120 min. 

R: Valerij Todorovskij

D: Anton Schagin, Oksana Akinschina, Evgenija Chrivskaja, Maksim Matveev, Igor Voinarovskij, Ekaterina Vilkova

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