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6. Apr 2015

Literarische Texte 2015

Verfasst von

Hinter der Kamera (Gregor Klimmasch & Maria Nordmann)

Die Schminke verwischt. Die einst so makellose Haut hat ihren Glanz verloren. Falten zieren nun mein Gesicht. Dabei war das Aussehen mein größtes Kapital. In Russland kannte jeder meinen Namen, aber diese Zeit ist vorbei. Heute bin ich nur eine von vielen. Nur ein kleiner Tropfen im Meer. Auf der Straße werde ich schon lange nicht mehr erkannt. Auch Autogramme habe ich seit Jahren nicht mehr gegeben. Ich wanke zum Schminktisch und stelle die Flasche ab. Am Spiegel klebt ein Foto einer jungen, bildhübschen Frau. Das Gesicht im Spiegel sieht ihr ähnlich. Die Wangenknochen sehen gleich aus. Die Wangen sind jedoch eingefallen. Die blauen Augen sehen noch fast genauso aus – nur etwas blasser sind sie geworden. Meine Finger wandern über das Gesicht und ziehen die erschlaffte Haut nach hinten. Für einen Moment lächle ich. Ich zieh die Haarklemmen aus dem Haar. Nachdem auch die letzte Klammer gelöst ist, rutscht die Perücke von meinem Kopf und fällt zu Boden. Meine kurzen Haare kommen zum Vorschein. Meine Hand zittert. Ein weiterer Schluck aus der Flasche soll mir dabei helfen, mich zu beruhigen. Ich wische mir die Schminke aus dem Gesicht. Auch mein Make-Up. Beim Schlucken sehe ich im Spiegel, wie sich mein markanter Kehlkopf  bewegt. Ein leichter Bartschatten ist zu sehen. Ich lasse los. Heute bin ich nur einer von vielen. Einen Moment lang betrachte ich mich noch im Spiegel – einen endlos langen Moment. Immer wieder wandert mein Blick zu dem Foto. Ich spüre, wie eine Träne meine Wange herunterkullert. Meine Augen fallen zu. Und der Vorhang schließt sich.


Багровое небо за окном, люстра советских времен… (Елизавета Резвая)

Багровое небо за окном, люстра советских времен…

Роман Николаевич, чего Вы добились в жизни?

Многого.

Как говорится, дети должны быть лучше своих родителей. Мой отец не сделал ничего, ничего не изменил. А я боролся, я боролся долго.

Москва — большая, как море. Москва смердит как болото.

Толпе не нужны чужие проблемы, им своих хватает.

Вернуться в Прибрежный? Тоже мне совет! Куда? К кому? Это место пропитано её предательством, пропахло спиртом и рыбой, это пристанище беспредела властьимущих. Они разрушили жизнь моего отца, они разрушили мое детство. Его выпустили три года назад,  он спился. Да его уже нет на Земле. Лишь в земле…

Везде так, всегда так. Так и будет. Это никогда не прекратится,  Нечего возлагать больших надежд на стадо баранов, жующих, потребляющих радость, поверхностный юмор, фальшивое счастье, скрывающее под собой тухлую рыбёшку.

Я — режиссер. Я стал лучше, чем был. Я в центре вселенной — посреди своей комнатёнки, стою сейчас под моей грустной люстрой. Идеальное место…

Я никогда никем не был любим — ни Лилией, ни друзьями.

Роман Николаевич, зачем Вам это нужно? Ты для них — как забавный певец, только голос твой неприятен им, твоя музыка им не по нраву. Они не хотят ее знать, не хотят слушать твоих слов.

Мне уже ничего не нужно. Я боролся, но сил моих уже больше нет. Я не хочу быть любимым всеми, быть симпатичным для всех. Даже через пять минут. Надо мной тускло светит унылая люстра.

Старую церковь разобрали по кирпичам, наверное, на печки. В новую уже никто не ходит. Но гидра до сих пор жива. И будет жить. Никогда не иссохнет, не станет скелетом, небрежно выброшенным на пустынный берег взволнованным морем.

Я режиссер? Я  забавный певец? Я – творец! Я —  поэт! Я — правда! Но, првада у всех своя. И история у каждого своя.

Я хотел сделать фильм, хотел рассказать свою  историю. Очевидную, понятную, о своей жизни. Избитая, истертая до дыр – в литературе и в кино — проблема, от которой уже все устали. Продюсер был прав — зачем?!

Сохранить эту правду? Передать эту истину, эту историю, эту критику от  поколения к поколению? Они увидят? – Да, скажу я уверено, увидят. Но воспримут ли, поймут ли, начнут ли действовать?  Нет, скажу я Вам, конечно же нет.

Ах, в этой картине — вся моя жизнь! Я — режиссер, я управляю своей жизнью!

Я буду жить лишь в памяти Человека. Я хочу жить лишь для Него, я верю в Него и я верю в свою силу. Я останусь в Его сердце.

Надо мною тусклый свет люстры, подо мною — пустота.  Я – режиссер, я — творец, я буду жить.


Das Märchen (Gregor Klimmasch & Maria Nordmann)

”Scheiße!”. Man vernahm noch einen leichten Hall, als sich das zerknüllte Stück Papier hopsend zu den Anderen am Boden gesellte.

Jede aufkommende Idee verwarf der Regisseur binnen kürzester Zeit. Dass er es auf diese Weise niemals schaffen würde, wieder einen guten Film zu drehen, war ihm durchaus bewusst, jedoch schien seine Muse ihn nach seinem letzten grossen Clou für immer verlassen zu haben. Schon der letzte war alles andere als ein Kassenschlager. Ein lautes Knurren riss ihn aus seinen Gedanken. Er legte seine Hand auf den Bauch und realisierte, dass er in seiner Schaffenskrise das Essen völlig vernachlässigt hatte. Der Gang in die Küche und der Blick in den Kühlschrank ließen den Dunkelhaarigen lautstark seufzen: Nichts. Es blieb ihm keine andere Wahl, als der Gang zum Supermarkt. Es dauerte nur wenige Minuten ehe der dunkelgraue Mantel übergeworfen und das Portmonnaie in der hinteren Hosentasche seiner ausgewaschenen Jeans verschwunden war und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Der Supermarkt lag direkt um die Ecke, was dem Mittdreissiger die Hoffnung gab, sich schnellsmöglich wieder einem neuen Gedanken widmen zu können. Das Erste, was  ihm im dort auffiel, waren die Düfte von Früchten, die am Eingang des Marktes versprüht wurden, um den Konsum zu steigern. Erst jetzt fiel ihm auf,  wie hungrig er doch war. Er hatte es durch die Arbeit und den damit einhergehenden Stress nicht realisiert. Ein paar Dinge waren schon im Einkaufskorb, als er die Steckrüben sah. Seine Oma hatte am Wochenede oft eine Suppe gekocht, welche aus den Rüben, Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln bestand. Prompt landeten alle Zutaten erst im Korb, dann auf dem Warenband an der Kasse und schließlich in einer Tüte mit dem bunten Logo des Supermarktes auf beiden Seiten.

Zurück im Treppenhaus zu seiner Wohnung fiel ihm ein, dass er den Briefkasten bestimmt eine Woche lang vernachlässigt hatte. Die bösen Vorahnungen, die ihm ein leicht flaues Gefühl im Magen gaben, bestätigten sich, als sich ein kleiner Schwall an Briefen über seine Füße ergoss, kurz nachdem er den die Blechtür geöffnet hatte.

„Rechnung“, “ Rechnung“, „Mahnung“, “ Rechnung“ stand fettgedruckt auf den Umschlägen. Die leichte Euphorie, die er in Vorfreude auf die Steckrübensuppe verspürt hatte, war im Nu verflogen. In der Wohnung warf er die Schlüssel und die Briefe auf den Schreibtisch und machte sich mit leicht hängenden Mundwinkeln an die Zubereitung der Suppe.

In einer stetigen kreisförmigen Bewegung rührte er den Kochlöffel im Topf. Doch plötzlich hielt er inne. Das war es! Das war die Idee! Er riss vor Euphorie den Löffel in die Höhe, nur, um ihn im nächsten Moment auf den Boden fallen zu lassen und zum Schreibtisch zu eilen. Er griff schnell nach einem Stift und der erstbesten Schreibunterlage, die er finden konnte und kritzelte drauf los. Gut zehn Sekunden später schaute er sich sein Werk an. Es war eine Rechnung, auf die er zwei Wörter geschrieben hatte: „Das Rübchen“. Doch das allein reichte aus, um seine Stimmung sogleich enorm zu verbessern.

Er erinnerte sich an das alte russische Märchen, dass ihm seine Oma früher immer und immer wieder erzählt hatte: Ein alter Mann pflanzt eine Rübe und nachdem sie gewachsen ist, kann er sie allein nicht mehr herausziehen. Nach und nach helfen ihm verschiedene Menschen und auch Tiere, bis es letztlich mit vereinter Kraft gelingt, das Gewächs aus der Erde zu wuchten.

Sein Entschluss stand fest, er würde eine moderne Adaption dieses Märchens drehen und so sich, die Zuschauer und nicht zuletzt seinen Geldbeutel glücklich machen! Was ihm jetzt noch fehlte, war eine konkrete Umsetzung.

Schnell griff er zum Telefon. Ein Freund aus Studienzeiten – jetzt mittelmäßig erfolgreicher Schauspieler mit einer festen Rolle in einer der beliebteren Dailysoaps des Landes – war bestimmt bereit, ihm zu helfen. Außerdem schuldete er ihm noch einen Gefallen.

Einen Tag später, der Regisseur saß an seinem Schreibtisch. Der Aschenbecher hatte sich im Laufe der letzten Stunden rasch gefüllt und er drückte mit leicht zitternder Hand den letzten noch rauchenden Stummel aus, als es an seiner Tür klingelte. Auf der anderen Seite der Holztür stand eine kleine Gruppe aus vier Leuten. Der Schauspieler berichtete, dass er nach dem Telefonat mit dem Regisseur direkt einen Drehbuchautor angerufen hatte und ihn um Hilfe bat. Die beiden hatten schon oft zusammengearbeitet und waren ein eingeschworenes Team. Der Drehbuchautor selbst hatte sofort ein einen Kameramann gedacht, mit dem er einige Projekte zusammen umgesetzt hatte. Dieser wiederum kannte einen Cutter. Die zwei arbeiteten seit Jahren eng zusammen und harmonierten ohne große Absprachen. Alle zusammen erklärten sich bereit, dem Regisseur bei seinem Film zu unterstützen. Als sich die Gruppe im Wohnzimmer des Regisseurs niedergelassen hatte, begannen Sie, ihre Vorstellungen konkret zu schildern.
Der Schauspieler, der am kommerziellen Erfolg des Projektes interessiert war, erhob sich von seinem Platz. Er ging einige Schritte im kleinen Zimmer auf und ab und schwärmte mit großen Gesten von einer Gattung. Eine romantische Komödie – seiner Meinung nach das aktuell erfolgreichste Genre. Der Regisseur faltete die Hände vor seinem Gesicht und dachte einen Moment ruhig mit geschlossen Augen über den Vorschlag nach. Schnell konnte er sich mit der Idee anfreunden. Aber wie sollte „Das Rübchen“ als romantische Komödie funktionieren? Der Drehbuchautor trug etwas schüchtern seine Vorstellung der dramaturgischen Umsetzung vor: Ein Mann möchte das Mädchen seiner Träume um  ein Date bitten. Durch die Hilfe verschiedenster Leute, die sich bereit erklären, ihm zu helfen, gelingt es ihm am Ende des Filmes, ein „Ja“ aus ihr herauszubekommen.
Der Kameramann, der während der Schilderung des Drehbuchautors bereits angefangen hatte, unruhig auf dem muffigen Sofa hin- und herzurutschen, begann direkt, nachdem Letzterer seine Rede beendet hatte, von der konkreten Umsetzung zu schwärmen: Imposante Szenen, rasante Kamerafahrten, große Detailaufnahmen. Bilder entstanden in den Köpfen aller Anwesenden.

Endlich meldete sich auch der Cutter zu Wort. Bisher hatte er lediglich zugehört, und versucht, seinen wackelnden Holzstuhl einigermaßen im Gleichgewicht zu halten. Nüchtern berichtete er von beeindruckenden Bildkompositionen, innovativen Schnitten und attraktiven Szenenübergängen.

Den restlichen Tag verbrachten die Fünf damit, angeregt zu diskutieren. Nach ein paar Stunden – das Zimmer war durch den Zigarettenqualm von einem blauen Schleier durchzogen, leere Gläser und Glasflaschen standen überall herum, eine Note von starkem Alkohol lag in der Luft – wurde es plötzlich still.
Alle lehnten sich zurück. Dann begann der Regisseur breit zu lächeln.

Das war es! Das war ihr Projekt. Der Regisseur, der Schauspieler, der Drehbuchautor, der Kameramann und der Cutter sahen ein und den gleichen Film ganz genau vor ihrem inneren Auge. Alles, was sie jetzt noch tun mussten, war, nach der Idee zu greifen – und fest zu ziehen.


Kalypso (Robert Oertel)

Ein mit hohen Palmen geschmückter Strand, die Sonne scheint, die Wellen des Meeres wogen in einem gleichmäßigen Rhythmus, eine süße Melodie, „Hotel California“ von den Eagles, zwei Gestalten liegen nebeneinander auf dem Sandstrand. Die Kamera fährt näher heran, um die Begierde in seinem Gesicht einzufangen, ihren leicht geöffneten Mund, und jede noch so kleine Bewegung. Dieser junge Adonis, streicht mit seiner rechten Hand über ihr Haar, die Finger wandern über ihre sinnlichen Lippen, das Kinn, den anmutigen Hals, „Sexual Healing“ von Marvin Gaye wird kurz angespielt… „Cut!“, ruft eine tiefe, schon ziemlich genervte Stimme, die Musik verstummt, die Hand wird prompt zurückgezogen, die lüsternen Mienen der Schauspieler werden erst ausdruckslos und zeigen dann Verwirrung, die Szene gefriert.

Nun kann der Schauspieler völlig ungezwungen seine Augen über diesen makellosen Körper wandern lassen.

„Was ist nur mit dir los? Du willst diesen sympathischen Herrn neben dir vernaschen, nicht wahr?“, brummt eine dominante Stimme von vorn. Ein alter, böse und grimmig grinsender Mann kommt auf die verschüchterte Blondine, die versucht, das Bühnenbild zu verlassen, sich anscheinend aus dem Staub machen will, zu und schüttelt verständnislos den Kopf.

„Äh, ja, ich bin die sexy Amazone, die den abenteuerlustigen Archäologen zum verrückten Liebesspiel…“, beginnt sie vor Angst zitternd einen mühsam auswendig gelernten Text zu wiederholen, wird aber vom ungeduldigen Regisseur unterbrochen. „Toll, dass du dumme Gans endlich deine Rolle verstanden hast. Warum spielst du dann die wilde Schönheit mit einer solchen Leidenschaft, als wolltest du ihm nicht deinen Körper, sondern ein paar gebrauchte Autoreifen anbieten?“

Ja, das ist ein unterdrückter Schluchzer, da sind ein paar Tränen, die sogleich weggewischt werden. Sie rennt davon, gibt noch schnell dem unglücklichen, jungen Mann, der sie immer noch mit Blicken verschlingt, einen Zettel in die Hand. Während der Regisseur mit den Händen fuchtelt, schreit und tobt, öffnet unser Held die hastig geschriebene Nachricht und liest: „Komm mit“.

Es ist nachts, der Mond hüllt die Großstadt in ein dämonisches Licht und der strömende Regen lässt die beiden fliehenden Schatten wie dahingemalt erscheinen. Dieses melancholische Ölgemälde wird karikiert von den Plattenbauten, die wohl in aller Eile aus Pappmaché angefertigt wurden. Nun eine Großaufnahme, mit der das verstörte Gesicht des Mannes eingefangen wird, sein keuchendes Atmen, dann seine Erleichterung. Endlich ist sie an einer Bushaltestelle stehengeblieben. Schon taucht aus dem Nichts der Bus vor ihr auf, sie steigt ein. Er schafft es gerade noch, es ihr gleichzutun…

Plötzlich stehen sie einander gegenüber, ganz nahe. Oh, ihr betörendes Parfum raubt ihm fast die Sinne. Ein Moment der Entrückung. Wie gern würde er die unnahbare Göttin für sich öffnen, in ihr lesen wie in einem Buch. Er beißt sich in die Oberlippe. Wie ist das möglich? Es überwältigt ihn, wie ihr siegessicheres Lächeln ihm das Gefühl gibt, real zu sein. Neben all den unwirklichen Statisten, die im Bus durch fingierte Gespräche eine Geräuschkulisse schaffen, ist sie der einzige wahre Mensch. Würde er sie jetzt umarmen, so fühlt er, könnte er etwas Substanzielles zu fassen kriegen, sich daran festhalten, es einsaugen und endlich seinen unstillbaren Hunger befriedigen. Mit ihr an seiner Seite könnte er diesem Albtraum aus Kulissen, grauenvoller eingespielter Musik, ferngesteuerten Geistern, falschen Worten und Gefühlen entkommen. Keine Marionette mehr sein!

Vor einer halb verfallenen Hütte hält der Bus. Sie steigen aus, rennen im strömenden Regen zur Hütte und verschwinden hinter der schief hängenden Holztür. Das leise, so seltsam bedrohliche Lachen seiner Angebeteten lässt sein Blut gefrieren.

Sobald das Licht angeht, erblickt er die majestätische Eingangshalle eines Palasts. Dieser in allen Farben des Regenbogens funkelnde Boden ist aus Glas, die Säulen aus Marmor, das herrliche Sternenbild an der Decke aus Diamanten. Es ist alles echt. Das alles ist für ihn, nur für ihn. Was für ein Geschenk sie ihm macht!

Sie klatscht.

Licht aus.

Noch einmal.

Licht an.

Überraschend steht sie direkt vor ihm in all ihrer nackten, fülligen Pracht. Er braucht nicht an sich herunterzusehen, um zu wissen, dass auch er auf einmal völlig entblößt in der weiten Halle steht.

Mit den Augen einer Löwin blickt sie in sein Inneres, als sie sagt: „Ich habe lange auf dich gewartet.“

„Wie lange?“

„Ich weiß nicht mehr. Waren es nur Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte? Eine Ewigkeit. Nun ist es mir gleichgültig. Du bist da.“

Als sie, von ihm Besitz ergreifend, die Arme um seinen Hals legt, fragt er sie unsicher: „Warum ich?“

Sie lächelt nur und gibt ihm einen Kuss…

…Ein Kuss. Ein wildes, rauschhaftes Treiben. Roter Wein, der erst bitter von vergangener Einsamkeit und schließlich süß von vollkommener Liebe erzählt. Zwei Körper, die sich miteinander vereinigen, zu einer sich selbst liebkosenden Schlange verschmelzen. Und immer wieder süßes Harfenspiel und zärtliche Liebesbekundungen.

Bäume werden morsch, Seen und Flüsse trocknen aus, neue Sprachen entstehen und manche verschwinden für immer, Häuser werden abgerissen und an ihrer Stelle werden neue gebaut, es vergehen die alten Menschengeschlechter und der neue Mensch wird geschaffen.

Doch diese Liebe kennt keine Zeit.

Wie kommt es nur, dass in einem seligen Augenblick sein Finger sich in ihrer Harfe verfängt und er herausgeworfen wird aus seinem ewigen Liebesschlummer? Zunehmend verwirrter und wahnsinniger werdend, rennt er zur Tür, der er jedoch um keinen Schritt näher kommt. Er dreht sich zu ihr und sagt bestimmt:

„Ich muss gehen.“

„Nein, das musst du nicht.“

„Wer bist du, Zauberin?“

„Du weißt sehr wohl, wer ich bin. Bitte lass mich nicht allein.“

„Ich kann mich nicht ewig vor der Realität verstecken.“

„Welche Realität?!“

„…Auch Odysseus hat sich den Kämpfen des Lebens gestellt, ist nach Hause zurückgekehrt.“

Sie lächelt und flüstert: „Das ist eine Lüge. Oh nein, er hat die Insel nie verlassen.“

Wieder schenkt sie ihm einen Kuss des Vergessens und sagt zu sich selbst: „Das hier ist mein Film, mein Traum. Ein Traum ohne Ende.“

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