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5. Mai 2011

Ein Tag im Rampenlicht

Verfasst von

Am dritten Tag, den wir MediA-Hler hier in Archangelsk verbrachten, ging es endlich daran, die Pläne, die die einzelnen Arbeitsgruppen geschmiedet hatten, in die Tat umzusetzen. Die Filmgruppe um Alya, Vita, Elli, Anja und Marie hatte mich am Vortag kurzerhand zu einem ihrer Hauptdarsteller erklärt. In ihrem Film zum Thema Toleranz sollte ich die Rolle eines Clowns übernehmen.

Bei 5 °C und eiskaltem Wind fanden wir uns also auf dem zentralen Leninplatz ein, um die ersten Szenen zu drehen. Zuerst ging es daran die wichtigsten Requisiten aufzublasen – viele bunte Luftballons – was sich mit unseren schnell kaltgefrorenen Fingern gleich als erste Hürde erwies. In der Universität hatte Elli mir schon vorher mit einer kräftigen Ladung Haarwachs die Perrücke gehübscht. Ich setzte mir also die pinke Clownsnase auf, schnappte mir die Ballons, sprang in überschwänglicher Freude über den Leninplatz und brachte die Ballons unter die Passanten, immer verfolgt von der Kamera. Mein gespielter Sonnenschein passte dabei so gar nicht zum Wetter. Stattdessen stand mir der Wunsch viel mehr nach einer wärmenden Tasse Tee und ein paar leckeren Bliny (Eierkuchen). Daraus wurde allerdings vorerst nichts. Zum Glück sah das Drehbuch vor, dass der Clown mit der Zeit immer trauriger und grimmiger werden sollte, sodass ich meine Laune Stück für Stück an die äußeren Umstände anpassen konnte.

Natürlich hatte jeder aus der Filmgruppe seine eigenen Vorstellungen, wie sich der Clown und die Passanten bewegen sollten und aus welcher Perspektive das alles am besten zu filmen ist. Immer wieder mussten deshalb die verschiedenen Ideen diskutiert werden, es wurden neue Kamerapositionen getestet und Szenen wiederholt. Als endlich alles im Kasten war, was auf dem Leninplatz gefilmt werden sollte, wechselten wir den Drehort.

Am Ufer der Dwina war dann Alya in ihrer Rolle als traurige Obdachlose an der Reihe. Kurz zuvor war sie auf einer Restauranttoilette verschwunden und dann als Pennerin verkleidet wieder zurück auf die Straße getreten. Als sie sich zum Betteln auf den Gehsteig setzte, bekam das Film-Team ganz unerwarteten Zuwachs. Wir hatten die Aufmerksamkeit eines streunenden Schäferhundes erweckt. Er kam zu Alya und als sie ihn streichelte und mit ihm sprach, legte er sich zu ihr auf den Gehweg. Obdachlose mit Hund – super klischeehaft und perfekt für den Dreh. Alya spielte ihre Rolle so überzeugend, dass ihr sogar einige Passanten etwas Geld in den Hut warfen.

Trotz der Kälte und obwohl für das Aufnehmen jeder einzelnen Szene immer wieder lange nach den besten Positionen und Einstellungen für die Kamera gesucht werden musste, hatten wir alle großen Spaß an der Arbeit. Am späten Nachmittag, als alle Außenszenen eingefangen und die fünf Regisseure zufrieden waren, machten wir uns auf den Weg zum gemeinsamen Kochen im Studentenwohnheim. An diesem Abend sollte in der Uni ein deutsch-russischer Kulturabend stattfinden und dafür musste noch allerhand vorbereitet werden. Ich nutzte die Gelegenheit um kurz im Bad zu verschwinden und mir das Wachs aus den Haaren zu waschen. Der Erfolg war eher bescheiden. Auch nach der zweiten Haarwäsche glänzte mein Schopf – um es auf hallensisch zu sagen – noch immer wie Fettbemme. Tja, wer ins Fernsehen will, muss eben auch Opfer bringen. Ich bin trotzdem schon riesig auf den fertigen Film gespannt.

Über Tobias König

  • Hey, ich bin Tobias und gerade zum ersten Mal in Archangelsk. In Halle studiere ich seit 2007 Politikwissenschaft und Arabistik / Islamwissenschaft. Neben der Uni moderiere ich bei Radio “Corax” und helfe dabei den Jugendaustauschs zwischen Halle und Ufa zu organisieren. Auf einem Schüleraustausch nach Sankt-Petersburg habe ich mich so sehr in Russland verliebt, dass ich später ein ganzes Jahr als Freiwilliger in Ufa verbracht habe.
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1 Kommentar

  1. Maria Wagner sagt:

    Das klingt nach einer Menge Spaß. Bin sehr gespannt auf den Film 🙂

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