RSS-Feed abonnieren

Passwort vergessen?

v Anmelden

6. Mai 2011

Erste Kulturunterschiede?!

Verfasst von

Passend zum Thema „Toleranz“ gab mir am Dienstag eine Situation während unserer Fotoaktion mal wieder Anlass, deutsche und russische Verhaltensweisen zu hinterfragen. Zum handwerklichen Einstieg hatten wir zuerst eine kurze Einleitung zur Fotografie, in der uns anhand von Beispielbildern wichtige Aspekte interessanter, gelungener Fotos näher gebracht wurden. Danach hatten wir einige Stunden Zeit, um eben diese Hinweise und Tipps mit zum Thema passenden Motiven umzusetzen. Also machten wir uns in unserer Gruppe auf den Weg, um Menschen zu finden, die für uns mit dem Wort Toleranz (geschrieben in verschiedenen Sprachen) posieren würden. Neben vereinzelten Ablehnungen trafen wir auch auf viele Studenten, die bereitwillig mit unseren selbstgemalten Schildern posierten. Ein junger Mann jedoch reagierte sehr emotional. Er fragte, was auf den Schildern stehe und als wir ihm erklärten, dass es sich um das Wort Toleranz handele, stieß er die Blätter erschrocken von sich und rief energisch: „Nein! Das mache ich nicht. Ich bin bestimmt kein toleranter Mensch! Ich bevorzuge da eher das Wort Loyalität.“

Im ersten Moment war ich natürlich schockiert über diese aggressive Reaktion. Ich konnte gar nicht fassen, wie man so offensichtlich seine Intoleranz zur Schau stellen könne. Nach kurzem Überlegen aber kam ich zu dem Schluss, dass es durchaus ein Indikator für unterschiedliche kulturelle Prägung sein könne.

Toleranz auf Albanisch

Toleranz auf Albanisch

In Deutschland würde man zumindest im universitären Umfeld wohl kaum jemandem begegnen, der sich so eindeutig äußern würde. In unserer Gesellschaft scheint die Vorstellung verbreitet, dass man tolerant sein soll, da dies etwas Positives ist. Wenn man dies in Frage stellt, läuft man Gefahr in eine rassistische Ecke geschoben zu werden. Ist denn aber nicht die oben genannte Reaktion sehr viel ehrlicher?! Schließlich ist es nur verständlich, wenn man sich an Gewohntem orientiert und dadurch Anderes erstmal skeptisch betrachtet. Wie weit darf jedoch diese Skepsis gehen, bevor sie in unreflektierte Ablehnung und Intoleranz umschlägt? Und ab wann wird gutgemeinte Xenophilie zu Ignoranz? Müsste ich nicht, wenn ich mich selbst als toleranten Menschen sehe, auch die Reaktion des oben genannten Mannes tolerierene und als andere Meinung akzeptieren?!

Momentan kann ich keine Antwort auf diese Fragen geben, aber zumindest kann ich bisher für mich feststellen, dass, je mehr ich mich mit dem Begriff Toleranz beschäftige, er nur umso uneindeutiger und zwielichtiger wird. Hätte ich vor dem Workshop Toleranz noch als eindeutig positiv bewertet, bin ich mir dessen mittlerweile nicht mehr sicher. Eindeutig kann ich im Zusammenhang mit den hier gemachten Erfahrungen wohl nur meine eigene gesellschaftliche Prägung aus Deutschland erkennen, die mir bisher einredete, dass Toleranz etwas ausschließlich Positives ist. Inwieweit in Russland oder Archangelsk eine andere Konnotation verbreitet ist, kann ich nicht einschätzen. Es ist zumindest wert darüber nachzudenken.

Über Ulrike Geier

  • Student/in
  • Ich bin Uli und studiere seit 2006 IKEAS (Russland/ Lateinamerika). Seit ich das erste Mal in Russland war hat mich das Land fasziniert und ich bin seither mehrere Male dort gewesen. In Halle vertreibe ich mir die Zeit neben dem Studium damit in einem deutsch-russischen Freundschaftsverein mitzuhelfen und beim russischen Studententheater mitzuspielen.
  • Website:

Kommentieren