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26. Apr 2013

Demokratische Kultur in Russland

Verfasst von

Während der Arbeit in der Bloggruppe fiel uns immer wieder auf, dass wir, die deutschen Teilnehmer, mit einer sehr westlichen Perspektive über die Geschehnisse in Russland berichten. Auch im Gespräch mit russischen Studierenden fällt es mir schwer, die Maßstäbe und Konzepte, die ich mir während meines Politikstudiums, aber auch durch den Einfluss unserer westlichen Medien angeeignet habe, abzulegen. Wenn man jedoch über die politische Kultur und damit auch über Protest in Russland sprechen möchte, ist es essentiell, unser Selbstverständnis einer demokratischen Gesellschaft auszublenden. Vielmehr sollte man sich fragen, was die russische Gesellschaft unter dem Begriff der Demokratie versteht und welche Werte hier im Vordergrund stehen. Dieses Problem habe ich nun zum Anlass genommen, um mich dem politischen Selbstverständnis der russischen Gesellschaft anzunähern.

In den Umfragen, die das russische Meinungsforschungsinstitut Levada Center regelmäßig durchführt, fällt uns westlichen Beobachtern auf, dass sich nur eine verhältnismäßig kleine Mehrheit mehr Demokratie wünscht. In einer landesweiten Umfrage, die im Juli 2012 durchgeführt wurde, traf dies auf nur 63% der Befragten zu. Um diese Ergebnisse richtig zu interpretieren, muss man jedoch auch verstehen, dass der Begriff der Demokratie in Russland anders konnotiert ist als in einem westeuropäischen Land. Viele Russen sind von sogenannten demokratischen Institutionen wie der Staatsduma oder der Wahl des Staatspräsidenten enttäuscht, bei denen Korruption und Vetternwirtschaft herrscht, jedoch keine demokratischen Strukturen in unserem Verständnis durchgesetzt werden. Diese Demokratiefrustration führt außerdem auch dazu, dass sich nur eine Minderheit (Juli 2012: 32%) der Befragten eine Demokratie nach westlichem Vorbild wünscht. Die Mehrheit (Juli 2012: 39%) plädiert für einen russischen Sonderweg. Darüber, wie dieser ausgestaltet werden sollte, herrscht jedoch kein Konsens. Aufgrund dieser Uneinigkeit über die russische Zukunft, scheint die geringe Protestbereitschaft nicht verwunderlich. Nur 11% der Befragten würden gegen die aktuelle politische Situation auf die Straße gehen.

Die Protestbereitschaft wird jedoch auch dadurch gemindert, dass Protestierende oftmals mit Repressionen wie einem drohenden Studien- oder Arbeitsplatzverlust rechnen müssen. Jedoch nimmt unter Jugendlichen mit höherem Bildungsniveau die Protestbereitschaft zu. Vor allem durch das Internet steigt die Bereitschaft, seine eigene Meinung offen zu sagen und sich in Gruppen zu organisieren. In einer weiteren Umfrage des Levadazentrums im Dezember 2012 hielten 50 % der Befragten Massenproteste im kommenden Jahr für wahrscheinlich bzw. sehr wahrscheinlich.

Genauso wichtig wie die persönlichen Freiheit sind der russischen Gesellschaft auch die Werte „Ordnung“ und „Stabilität“. Die Meinung, dass nur ein starker Staat für soziale Gerechtigkeit sorgen kann, wird von einer überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung geteilt. Diese Staatsbegeisterung steht jedoch in Widerspruch zur Wertschätzung der individuellen Freiheit. In der Umfrage sticht hervor, dass 49 % der Befragten der Aussage zustimmten, dass die Bürger für ihre Rechte kämpfen sollten, auch wenn sie staatlichen Interessen widersprechen. Dieses Bild des starken Staates, der andere in die Schranken weist und einen selbst jedoch in Ruhe lassen sollte, wird durch stereotype Ablehnung von „Individualismus nach liberalem Vorbild“ und die Wertschätzung gemeinschaftlicher bzw. kollektivistischer Werte ergänzt. Das Gemeinschaftsgefühl ist besonders groß in Bezug auf die eigene Familie und Freunde, jedoch weniger im Hinblick auf Menschen, die die gleiche politische Einstellung teilen.

Es wird sich in der Zukunft zeigen, wie sich die demokratische Kultur in Russland entwickelt. Unser westliches Demokratiemodell wird dabei eine wichtige Orientierung geben. Sein Einfluss sollte jedoch auch nicht überschätzt werden. Diese Entwicklung der russischen demokratischen Kultur wird langwierig und sicherlich auch mit Protesten verbunden sein. Wir sollten sie kritisch begleiten, jedoch auch die jeweiligen Unterschiede im Kopf behalten, bevor wir ein Urteil fällen.

Die Ergebnisse der Meinungsumfrage findet ihr hier

Über Christiane Seidel

  • Student/in
  • Ich studiere seit Herbst 2010 an der MLU IKEAS (Frankreich- und Russlandstudien) und Politikwissenschaft. Ich bin seit fast drei Jahren bei MediA=H und freue mich, nun wieder in Archangelsk zu sein.
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