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26. Apr 2013

Interview mit dem Historiker Boldirew Roman Jurevitsch

Verfasst von

Heute hatten wir die Chance, den auf deutsch-russische Beziehungen spezialisierten Historiker Professor Roman Boldriew Jurevitsch, der an der der nördlichen arktischen föderalen Universität Archangelsk lehrt, zu den Themen „Protest“, „die aktuelle politische Lage“, „russische Protestgeschichte“ und „deutsch-russische Stereotype“ zu befragen.

mediA-H: Guten Tag, Herr Roman Jurevitsch! Wir beschäftigen uns ja diese Woche mit dem Thema „Protest“. Wie definieren Sie diesen Begriff für sich?

Jurevitsch: Protest bedeutet für mich eine Form der Konfrontation zwischen Menschen und Machtverhältnissen.

mediA-H: Waren Sie schon einmal aktiv protestieren?

Jurevitsch: Nein, nicht auf der Straße, aber im privaten Rahmen. Ich habe bei öffentlichen russischen Demonstrationen das Problem, dass nicht das „für bzw. gegen was“ zählt, sondern immer das „für bzw. gegen wen“ im Zentrum steht. Somit wird z.B. gegen Putin als Person protestiert oder gegen alle Staatsbeamten und                          -angestellten als Inbegriff der Macht. Diese Plakatisierung greift für mich nicht den Kern des Problems, gegen das eigentlich protestiert wird.

mediA-H: Für oder gegen was würden Sie sich einsetzen?

Jurevitsch: Ich rege mich über das hiesige Schul- und Bildungssystem auf. Es gibt ein neues Gesetz, das ab dem 1. September in Kraft tritt. Bildung wird damit stark kommerzialisiert. Ab der zehnten Schulklasse sollen von den 36 Stunden Schulunterricht in einer Woche 16 Stunden von den Eltern selbst bezahlt werden und nur zehn vom Staat. Das betrifft solche Fächer wie die zweite und dritte Fremdsprache, Geographie, Physik, Gesellschaftskunde und Geschichte. Sind die dann fakultativ? Welches Fach ist wichtiger? Für die Reifeprüfung braucht man es dann, es wird abgefragt. Das bedeutet, Kinder von armen Eltern werden öfter durchfallen.

mediA-H: Wo wird sonst noch gespart nach diesem Erlass?

Jurevitsch: Kindergärten, in denen man früher nur 20 Prozent zuzahlen musste, sollen plötzlich zu 100 Prozent von den Eltern finanziert werden. Bei Studentenwohnheimen, wo es bisher üblich war, nur ein Zehntel der Kosten selbst zu bezahlen, müssen nun voll bezahlt werden. Die Universität muss enorm sparen, es wird Entlassungen beim Personal geben. Die nördliche arktische föderalen Universität Archangelsk ist neben dem Universitätsklinikum die einzige Lehranstalt für Erwachsene in dieser Region, die arbeitslosen Dozenten werden weit weg ziehen müssen. Wer dagegen protestiert, wird auch entlassen.

mediA-H: Wo denken Sie, sollte eher gespart werden als bei der Bildung?

Jurevitsch: Ich denke, das russische Volk braucht keine international-repräsentativen Maßnahmen nach außen, die sehr viel Geld kosten – wie Staatsempfänge und Sportmeisterschaften im Land.

mediA-H: Wie würden Sie diese Meinung kundtun?

Jurevitsch: Es gab einmal eine Aktion, in der man Putin Briefe schreiben konnte und eine Möglichkeit, seine regionalen Probleme zu schildern. Ich habe einen geschrieben und nach drei (!) Monaten anwortete mir ein Beamter aus Archangelsk, dass meine „Anschuldigungen“ falsch seien, ich solle doch einen neuen Brief schreiben. Ich glaube, dass der Brief nie Putin erreicht hatte und fühle mich belogen. Deswegen bin ich sehr unmotiviert, was meinen individuellen Protest angeht.

mediA-H: Was denken Sie zu den jüngsten Protesten in Moskau?

Jurevitsch: Dort gab es zwei Besonderheiten: Erstens waren nur Leute aus Moskau und Umgebung da und zweitens waren sehr unterschiedliche Aktive aus allen Bereichen protestieren. Sowohl Faschisten, als auch Antifaschisten sowie sehr gesplittete Randgruppen. Der einzige gemeinsame Nenner war die Aggression, die sich gegen Putin richtet.

mediA-H: Also unterstützen Sie diese Proteste nicht?

Jurevitsch: Nicht wirklich. Ich fühle mich dort nicht verstanden. Sie müssen sehen, Russland ist so ein großes Land. Wir hier in der Provinz haben ganz andere Probleme. Zum Beispiel: Wie kann man den Bürgern helfen? Kann man überhaupt helfen? Wie können wir unsere Infrastruktur weiterentwickeln, unsere Transportmittel modernisieren? Wir brauchen Investitionen, sonst geht nichts voran. Es gibt zwar hier die Kommunalwahlen, aber die Opposition hat kaum eine Agenda, Politik ist genormt, das ist nicht demokratisch. Die Energie sollte eher auf konkrete Lösungen als auf Protest verwendet werden. 

 mediA-H: Was blockiert Ihrer Meinung nach am meisten die Politik in Russland?

Jurevitsch: Keiner will die Verantwortung für irgendetwas übernehmen. Deswegen kann nichts organisiert werden. Viele Staatsbeamten sind nur auf ihren eigenen guten Verdienst bedacht und wollen dafür nichts riskieren. Dazu kommt die Korruption. Schauen Sie, bei mir in den Vorlesungen sitzen Studenten, die werden Staatsbeamte. Sie interessieren sich null für Geschichte, brauchen aber ihr Diplom.

mediA-H: Lassen Sie sie durchfallen?

Jurevitsch: (lacht) Das werden wir sehen. Die Examen sind noch nicht geschrieben.

 mediA-H: Was denken Sie über die deutsch-russische Sicht auf politische Probleme? Gibt es eine typisch westliche Arroganz?

Jurevitsch: Jedes Kollektiv hat Stereotype von „den anderen“. Das ist aber normal. Wichtig ist, dass vor lauter Klischees die Kooperation nicht aus den Augen verloren wird. Ich werde mich im Sommer mit den deutsch-russischen Beziehungen während der Besatzungszeit beschäftigen, es gibt in Halle/Saale ein geheimes Archiv der Korrespondenz, was noch nicht bearbeitet wurde. Ein Goldstück für jeden Historiker. Für mich symbolisiert das den Übergang zwischen Feind und Kollege im Wiederaufbau nach dem Krieg, eine sehr spannende und vernachlässigte Phase, da oft nur die Extreme wissenschaftlich bearbeitet werden.

mediA-H: Als letzte Frage würde ich gerne wissen, ob Sie als Historiker ein Fazit zu den Protestaktionen in der Vergangenheit geben können. Können die Russen daraus lernen?

Jurevitsch: Es gibt da ein schönes Zitat von Puschkin, das heißt in etwa: „O Herr im Himmel, lass mich keine Proteste mehr sehen, die so skrupellos sind wie die bisherigen, die ich bereits in Russland gesehen habe“. Das entspricht meiner Meinung. Mit Ausnahme der Peristroika gibt es keine normale Protestkultur in Russland. Der Widerstand geschah bis jetzt immer ohne konkrete Vorstellung von einer besseren Zukunft, war verzweifelt und gewalttätig, da die Macht auch immer mit Gewalt antwortete. Das Blutvergießen ist nicht konstruktiv. Wie ich bereits sagte: Denkt mehr über die Inhalte und alternative Lösungen nach, bevor ihr gegen irgendetwas mit allem, was ihr habt, wettert!

Über Katharina Rothe

  • Student/in
  • Ich bin Katharina, eine freie Journalistin und Deutsch als Fremdsprache-Lehrerin. Seit Oktober mache bei MediA-H mit, bin jetzt im regnerischen Archangelsk und genieße den ersten Russlandaufenthalt meines Lebens :)
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